Voll im Vollformat

13.09.2018
Der Wettkampf ist eröffnet: Jetzt greifen auch die Spiegelreflexplatzhirsche Canon und Nikon bei den spiegellosen Vollformatkameras den Marktführer Sony an.

Lange war Sony fast allein auf weiter Fotoflur. Lediglich Leica hatte auch eine spiegellose Autofokus-Systemkamera im Kleinbildformat zu bieten, aber deren Preisgestaltung löste das Konkurrenzproblem von ganz alleine.

Die Spiegelreflexkönige Nikon und Canon hatten dagegen offensichtlich Angst, die eigenen Absätze zu kanibalisieren. Und zwar so lange, bis die trotzdem immer weiter schrumpften und sie ihre Kunden gleich ganz verloren.

Während Sony im letzten Quartal in den USA erstmals Vollformatmarktführer (mit und ohne Spiegel addiert bei Umsatz und Absatzmenge) war, stellten nun Canon und Nikon innerhalb von 14 Tagen ihre neuen spiegellosen Systeme vor.

Spiegellos: warum?

Die Nikon Z6 und Z7 sowie die Canon EOS R – wieso eine Spiegellose Kamera ausgerechnet das R für Reflex im Namen führt, muss Geheimnis der Canon Marketingabteilung bleiben – tummeln sich im Preissegment deutlich oberhalb von 2.000 Euro und sprechen damit vor allem Profis und anspruchsvolle Amateure an. Für Otto-Normal-Knipser tun es zweifelsfrei auch kleinere Kameras und Sensoren, doch im Printbereich von DIN A1 aufwärts spielen die Pixelboliden ihre Vorteile aus.

Wobei man dem Ausdruck natürlich nicht ansieht, ob ein Spiegel beteiligt war. Der wird ja eh weggeklappt bei der Belichtung. Grundsätzlich bietet die spiegellose Konstruktion Größenvorteile bei der Gehäusetiefe und bei den Objektiven im Weitwinkel- und Normalbrennweitenbereich. Gerade das von Nikon mit vorgestellte 35mm-Ojektiv zeigt, dass die Objektive trotzdem größer sein können als ihre Spiegelreflex-Kollegen.

Canon macht das bei seinem 1,8/35 besser. Gleichzeitig haben die Konstrukteure eine wahnsinnige Angst davor, den Anforderungen der Sensoren optisch nicht gewachsen zu sein. Mittlerweile sind die Autofokusnachteile bei den spiegellosen Systemen zumindest soweit ausgeglichen, dass Nikon und Canon mit ihren neuen Modellen nicht Gefahr laufen, sich vor ihrer diesbezüglich sehr anspruchsvollen Kundschaft zu blamieren.

Quelle: Nikon

Adaptiös

Da Sony sich mit seinen DSLM-Modellen schon in der dritten Generation austobt, geht es für Nikon und Canon erst einmal darum, die eigenen Kunden zu halten und nicht noch mehr an Sony zu verlieren. Innovationen müssen warten. Naturgemäß können neue Systeme vom Start weg nur wenige neue Objektive anbieten. Folglich spielt die Einbindung der Linsen im Kameraschrank der Altkunden eine große Rolle.

Nikon legt daher jedem Gehäuse gleich den Adapter bei und Canon hat dafür sogar drei unterschiedliche Adapter aufgelegt, unter anderen auch mit Filtereinschub. Bei allen vier funktioniert der Autofokus – soweit vorhanden (bei Nikon zumindest mit den neueren Objektiven) – tadellos. Und vom leichten Telebereich an ist eine Spiegelreflexkonstruktion auch gar nicht mit Größennachteilen verbunden.

Umso wichtiger wird es sein, dass Canon und Nikon ihre kürzeren Brennweiten schnell ausbauen. Und Nikon sollte sich vielleicht doch einmal dazu aufraffen, sich den Fremdherstellern zu öffnen. Passende Zeiss-Batis-Objektive könnten dem Gehäuseabsatz durchaus förderlich sein. Außerdem muss man fairerweise bedenken, dass auch Sony per Adapter die Canon EOS-Objektive mit AF nutzen kann.

Nikon Z6 und Z7

Nikon hat der Stammkundschaft zu Liebe besonders wert auf einen hochwertigen elektronischen Sucher gelegt. Das ist gelungen. Auch bei der Abdeckung der AF-Felder kann der wechselwillige Nikon-Freund durchaus positive Aha-Erlebnisse haben. Dazu ist die Auswahl zwischen 24 (Z6) und 45 (Z7) Megapixeln nicht nur von Sony abgekupfert, sondern auch marktgerecht.

Auf große Kritik stieß bei der Vorstellung allerdings die Beschränkung auf nur ein (und noch dazu exotisches) Speicherkartenfach. Außerdem verschenkt die neue Z6-Serie ausgerechnet die Möglichkeit, den Autofokus automatisch auf eine Wunschpupille scharf zu stellen.

Das ist bei Spiegelreflexen unmöglich, bei DSLMs nicht nur praktisch, sondern auf Grund der Auflösung und Lichtstärke heutiger Objektive oftmals eine Lebensversicherung für scharfe Fotos – und dafür hat man das Geld ja eigentlich investiert.

Quelle: Canon

Canon EOS R

Während Hersteller Nikon die Sensoren beim Hauptkonkurrenten Sony einkaufen muss, baut Canon diese einfach selbst. Dann klappt es auch mit der Marge. Der 30 MP-Sensor der R kommt im Kontrastumfang zwar nicht ganz mit der Konkurrenz mit, hat sich aber in der Canon 5D Mk. III durchaus bewährt. Leider hat sich Canon nicht getraut, dem neuen System das volle Videopotenzial des Konzerns zu spendieren. Aber Gelegenheitsfilmer haben zumindest keinen Grund sich zu beschweren.

Im AF-S-Modus klappt es auch mit der Augensteuerung. Dafür hat Canon wieder einmal – im Gegensatz zu Nikon – auf einen Bildstabilisator im Gehäuse verzichtet. Das Argument, dies im Objektiv besonders gut anpassen zu können, löst sich etwas in heiße Luft auf, wenn das eigentlich besonders spannende 2,0/24-70 keinen Stabi eingebaut hat. Da reduziert sich der teuer eingekaufte und schwer geschleppte Lichtstärkevorteil auf den selektiven Fokus. Schade.

Offensichtlich ist bei beiden Systemen noch Luft nach oben, doch das war es bei Sony in der ersten Generation der Alpha-Serie auch. So hängt die Kaufentscheidung vor allem von den Objektiven ab, die sich bereits in der Fototasche tummeln. Ist diese noch leer, ist Sony derzeit noch im Vorteil. Noch. Die Schlacht um die Marktanteile, die Smartphones im Fotobereich übrig gelassen haben, ist eröffnet. Einen Vorteil haben die Newcomer noch gar nicht ausgespielt: Ihre Bajonette sind so groß, dass locker auch die 33x44 mm Mittelformatsensoren dahinter Platz fänden.

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