RGB drucken? Lorenz Boegli erfindet ein neues Druckverfahren

13.12.2018
Bislang galt es als unmöglich, das auf dem Display dargestellte RGB auch zu drucken. Das Unmögliche möglich zu machen, das hat sich der Schweizer Siebdrucker Lorenz Boegli zur Aufgabe gemacht. Heraus kam ein neues RGB-Druckverfahren, das die Grenzen der Physik zu sprengen scheint.

Siebdruck ist eine alte Kunst und ein Handwerk. Es schafft dank eines hohen Farbauftrags, was Offsetdruck und Digitaldruck so nie hinbekommen würden. Deshalb ist dieses Druckverfahren bis heute eine gute Wahl für satte Farben und außergewöhnliche Druckergebnisse.

Allerdings muss man viel Erfahrung haben, um Farbauftrag und Siebbeschaffenheit miteinander in Einklang zu bringen.

Siebdruck bietet viele Anwendungsmöglichkeiten

Der Schweizer Lorenz Boegli gehört zu diesen erfahrenen Siebdruckern. Seit mehr als 35 Jahren experimentiert er mit Farben und dem Siebdruck im schweizerischen Müntschemier, einem Dorf zwischen Bern und der französischen Schweiz.

„Es ist die Einfachheit der Technik, die mich fasziniert“, sagt Boegli. „Daraus ergibt sich eine extreme Breite an Anwendungsmöglichkeiten. Außerdem ist der Siebdruck das einzige Verfahren, das einen hohen Farbauftrag in einem Druckgang leisten kann. Dadurch ist er prädestiniert für Veredelungen.“

Seine Kunden kommen hauptsächlich aus dem Segment der Luxusmarken, die eine besondere Art von Werbung suchen – etwas Ausgefallenes und zugleich Edles. Boegli bietet dieses Besondere: „Ich drucke seit 20 Jahren mit irisierenden Pigmenten und habe Ende der 90er Jahre als erster damit angefangen, diese Art von Pigmenten auch im Raster und auf dunklen Untergründen anzuwenden und damit Bilder zu realisieren.“

Quelle: Lorenz Boegli

Reflektierende Pigmente vermischen sich

Es war der Beginn einer ganz besonderen Geschichte, denn als Boegli mit den Pigmenten „Spectraval“ aus dem Hause Merck experimentierte, geschah etwas, was physikalisch schwer zu beschreiben ist: „Diese besonderen Pigmente sind die einzigen, wo beim Übereinanderdruck eine Drittfarbe entsteht“, erzählt Boegli.

„Dadurch kann ich jeden Farbton mischen. Und in letzter Konsequenz, so dachte ich mir damals, könnte ich eigentlich einen RGB-Druck machen. Beim Übereinanderdruck von Rot, Grün und Blau müsste also Weiß entstehen. Mit einem manuellen Andruck konnte ich aufzeigen, dass es tatsächlich zu diesem Resultat kommt.“

Das ist jetzt etwa vier Jahre her. Seit damals arbeitet Boegli mit dem immer gleichen Rezept und druckt, was eigentlich unmöglich erscheint: ein Vierfarbenrasterdruck im additiven Verfahren RGB.

Aus der Reflexion entstehen Farben

Es resultieren brillante Farben, die aus sich heraus zu leuchten scheinen, aber auf Papier gedruckt sind.

Boegli erklärt das so: „Wir arbeiten bei dem additiven RGB-Druckverfahren auf einem schwarzen Papier. Das heißt, das Pigment ist nur reflektiv, wenn es auf Schwarz trifft. Drucke ich es auf Weiß, hat es keine Kraft und ist eigentlich unsichtbar. Das Komische daran ist, dass dieses Pigment auf Schwarz quasi deckt. Das RGB-Druckverfahren arbeitet also rein mit der Reflexionskraft des Pigments. Wenn ich darüber drucke, bleibt die Transparenz erhalten, aber das Schwarz wird überdeckt.“

Das ist schwer zu erklären und noch schwerer zu verstehen. Dem pflichtet Boegli bei: „Je professioneller man aufgestellt ist, umso schwieriger ist es, dieses Verfahren zu akzeptieren.“ Doch mit Akzeptanz hat es wenig zu tun, wenn man das Ergebnis sieht.

Silberweiß für die Tiefe

„Wichtig ist die Auswahl des Sujets“, erklärt Boegli eine weitere Herausforderung. Denn nicht jedes Motiv eignet sich für die Umsetzung im RGB-Druck. „Es muss ein Bild sein, das mit Licht arbeitet, bei dem sich ein Objekt vom Hintergrund löst und stark beleuchtet wird. Die Bilder wirken am Ende sehr metallisch, ja beinahe silbrig.“

Mit dafür verantwortlich ist die Beimischung von Silberweiß in den Druck. Wie das Schwarz beim CMYK-Druck verstärkt das Silberweiß die Highlights: „Wir drucken ein negatives Skelett der Highlights und können mit dem Silberweiß die Reflexe in den hohen Tönen ergänzen und verstärken“, so Boegli.

Hier ist bei der Druckvorlagenherstellung viel Wissen notwendig: „Die Separation ist der Beginn des Effekts“, erklärt der erfahrene Siebdrucker. „Das hängt eng mit dem Druck zusammen, daher übernehme ich zusammen mit meinem Lithografen die gesamte Separation. Ich bekomme also immer das Originalbild vom Kunden.“

Quelle: Lorenz Boegli

Nur im Siebdruck möglich

Die für den RGB-Druck verwendeten irisierenden Pigmente, die sich die Firma Merck unter dem Namen „Spectraval“ patentieren ließ, lassen sich am erfolgreichsten im Siebdruck verarbeiten.

„Sie brauchen viel Farbauftrag, da braucht man ein grobes Gewebe“, so Boegli. Die Herausforderung daran: Für den RGB-Druck muss ein Vierfarbraster realisiert werden, was im Siebdruck ein feines Gewebe benötigt.

„Daran scheitern viele Kollegen“, so der Drucker, „dass sie es nicht schaffen, eine feine Zeichnung auf einem groben Gewebe umzusetzen.“ Nicht ohne Stolz ergänzt er: „Das ist dann die Kunst der Druckformherstellung.“

Kaum zu industrialisieren

Inzwischen meistert Boegli sogar größere Auflagen: „Letztes Jahr habe ich für die Ausgabe von ‚Creativ Verpacken‘ den Umschlag gedruckt“, erzählt er. „Da habe ich 4.000 Bogen semi-industriell produziert. Das Verfahren wurde auch schon in den Tiefdruck und in den Flexo-Labeldruck übersetzt. Aber jedes andere Druckverfahren hat weniger Farbauftrag. Dadurch verliert man im Tiefdruck sicher einen Drittel der Reflexionskraft – bedingt durch den geringeren Farbauftrag. Und im Flexo-/UV-Druck hat man gegenüber dem Siebdruck mehr als die Hälfte des Farbauftrags verloren.“

Die Ergebnisse fallen, so Boegli, entsprechend weniger interessant aus. Und das hat seine Gründe: „Sie müssen diese optimierte Druckformherstellung beherrschen und Sie müssen eine Farbeinstellung finden, die optimal ist für hohe Auflagen. Sie müssen es schaffen, dieses Pigment durch das Gewebe zu drücken, ohne dass das Gewebe verstopft.“

Boegli fügt hinzu: „Das sind sehr schwierige Parameter, vielleicht die schwierigsten Parameter im Siebdruck überhaupt.“

Die Zukunft des RGB-Druck

Boegli sieht dennoch eine Zukunft für den RGB-Druck. „CMYK hat auch Jahrzehnte gebraucht“, so der Siebrucker, „bis der Druck in die Bücher kam und gut aussah. Heute ist die Offset-Technik am Zenith – sie ist die perfekte Bilddarstellung und Reproduktion an sich. Da gibt es keine weiteren Verbesserungsmöglichkeiten“, ist sich Boegli sicher.

„Nun übersetzen wir das in den RGB-Druck: Da haben wir noch eine Menge Zeit, um ihn weiterentwickeln zu können.“ Und er weiß: „Unsere Resultate sind nach vier Jahren schon viel seriöser, als beim CMYK-Druck nach 40 oder 50 Jahren.“

Dieses Wissen macht ihn sicher und er sieht auch schon, wie RGB-Druck den Durchbruch schaffen könnte: „Es ist nicht ausgeschlossen, dass der Digitaldruck das irgendwann umsetzen kann: 20 Mikron dicke Pigmente spritzen im Inkjet. Das wäre der Durchbruch für die RGB-Technologie.“

Die Physik auf den Kopf gestellt

Bis dahin experimentiert Boegli weiter, druckt auch ohne RGB und mischt lieber die Farben, die zum besten Ergebnis führen: „Wenn sie etwa eine Einladungskarte bringen mit einem Kopf von einem Löwen, dann sehe ich Gold, Silber und Silberweiß. Dann muss ich nicht in RGB drucken.“

Das Meer druckt er mit Pigmenten von Türkis, Ultramarinblau und Silberweiß und umgeht damit die klassische Vierfarbskala auf kreative Art und Weise. Das wissen auch seine Kunden zu schätzen: „Meine Idee ist, stärker im Verpackungsdruck aktiv zu werden.“

So lässt Boegli als einer der wenigen auf der Welt Bilder mit viel Lichteffekten auf schwarzem Papier – egal ob gestrichen oder durchgefärbtes Naturpapier – auf eine ganz besondere Art strahlen. Und stellt mit der Reflexionskraft von Pigmenten – ein bisschen zumindest – die Theorie der Physik auf den Kopf.

 

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