Perfekt unperfekt: Druckverfahren Risografie

07.03.2019
Risografie ist ein Druckverfahren, das immer Unikate hervorbringt. Ihr Kennzeichen: ein Versatz zwischen den Farben. Gerade wegen dieses Makels steigt die Anzahl der Liebhaber.

Herr & Frau Rio. Das sind Sascha Wellm und Laura Sirch. Bis man zum ersten Mal ihre Druckerei betritt. Dann sind es Sascha und Laura. Zwei Kommunikationsdesigner, die sich mit der Risografie vor dreieinhalb Jahren selbstständig gemacht haben.

Obwohl das Druckverfahren alles andere als perfekt ist, wenn man die Maßstäbe des heutigen Offset- oder Digitaldrucks anlegt, ist Riso für sie die perfekte Geschäftsgrundlage.

Ihr Laden im Münchner Westend ist nicht nur eine Druckerei. Hier zeigen sie auch, was sie im Studium gelernt haben. Bieten Workshops an. Entwickeln Projekte, gemeinsam mit Kunden.

Quelle: Hannes Rohrer

Vom Kopierer zum Kunstdrucker

Als der Risograf Mitte der 80er Jahre von der japanischen Firma Riso auf den Markt gebracht wurde, hat wahrscheinlich niemand an seine zukünftige Bedeutung als Kunstdrucker gedacht. Entwickelt wurde er nämlich, um Schriftstücke wie Flyer möglichst schnell in Schwarz-Weiß zu vervielfältigen.

Der Risograf war damit ein Vorläufer des heutigen Kopierers. Seine Schwäche, dass er Papier nie ganz gerade und immer ein bisschen anders einzieht, fiel zum einen nicht auf. Zum anderen war der Versatz unwichtig.

Aus der Schwäche wurde eine Stärke, die jeden Druck einzigartig macht. Spielen können Gestalter und Druckdienstleister mit mittlerweile mehr als zwanzig Farben. Darunter Gold, Neongrün und Neonpink.

Bis auf Gelb und Schwarz findet man die Riso-Farben nicht im CMYK-System: „Auch das Blau nicht“, betont Laura. „Und unser Rot knallt richtig.“ Sascha spitzt zu: „Im Grunde genommen ist Risografie die Demokratisierung der Sonderfarben“. Nur das Riso-Weiß verwenden sie nicht. Das decke nicht richtig, die Folge sei immer ein Schneerauschen.

Mittlerweile habe sich auch herausgestellt, dass die Farben sehr UV-beständig seien. „Wir zeigen einige Produkte in unserem Schaufenster, wo sie der prallen Sonne ausgesetzt sind. Auch wenn das Papier schon vergilbt war – unsere Neon-Farben strahlten immer noch“, sagt Sascha.

Quelle: Design Herr und Frau Rio

Risografie – ein Hype?

Obwohl die Risografie manchmal als Hype bezeichnet wird, verwenden die beiden Unternehmer diesen Begriff nicht. „Wir sehen zwar, dass es auch in Deutschland immer mehr Riso-Druckereien gibt. Aber das Verfahren ist ja nicht neu. Gerade in Städten wie London gibt es solche Druckereien seit Langem“, beschreibt Laura.

Sascha ist überzeugt: „Hohe Druckqualitäten im Sinne von hochglänzend oder super scharf sind heute unfassbar billig. Der Kunde hat das Perfekte satt. Er sucht das, an dem gearbeitet wird. Das Besondere.“

Besonders ist nicht nur der Versatz, sondern auch die Farbe. Sie trocknet vor allem dadurch, dass sie in das Papier eindringt. Man spricht von Wegschlagen.

„Je nach Motiv und Tintenmenge planen wir für einen Druckvorgang einen Trocknungstag ein“, sagt Laura. Wenn nur ein paar Buchstaben gedruckt werden, kann man schneller den zweiten Druckvorgang starten, als wenn es um große farbige Flächen mit viel Farbauftrag geht.

Sascha ergänzt: „Aber auch die Farben selbst haben ihre Eigenheiten. Gold ist schnell abriebfest, Rot braucht ewig, um auszuhärten beziehungsweise bis das Öl komplett verharzt.“ Und ein bisschen Abrieb gibt es fast immer, wenn man denn über die Oberfläche reibt. Was für Kunstdrucke, die an der Wand hängen, aber vollkommen egal ist.

Quelle: Design Stefanie Gulden

Ungestrichene Papiere sind ein Muss

Die Druckqualität hängt zu einem Großteil mit den Papieren zusammen. Weil die Tinte in das Papier eindringen muss, kann man nur auf offene, also ungestrichene drucken. Laura und Sascha verwenden Papiere zwischen 70 und 300 Gramm pro Quadratmeter. „Darunter fliegt das Papier zum einen fast weg. Und wenn es zu dünn ist, bleibt es bei viel Farbe gerne an der Trommel kleben“, beschreibt Laura.

Ob ein Riso-Druck gelingt oder nicht, hängt nicht nur von den Verbrauchsmaterialien ab, sondern auch von den Druckmotiven. „‚Weniger ist mehr‘ trifft auf unsere Branche zu“, ist Laura überzeugt. Bereits beim Gestalten sollte man sich über die Drucktechnik im Klaren sein.

Zwei Farben würden in der Regel genügen, um tolle Effekte zu erzielen. Hier zeige sich das Können eines Gestalters. Sascha geht noch weiter: „Man muss die Eigenheiten des Risos kennen und darf nicht gegen sie arbeiten.“ Neben den Farben und dem Versatz sind es verschiedene Raster, die die Designer nutzen. Selbst Fotografien bereiten sie riso-tauglich auf.

Quelle: Design Herr und Frau Rio

Sojaöl und Hanf sind die Basis

Die Risografie ähnelt dem Siebdruck. Anstelle des beschichteten Siebes arbeitet der Riso mit einer Folie aus vor allem Hanf. Sie wird um eine Trommel gespannt, in der sich die Farbe befindet. Damit diese durch die Folie auf das Papier kommen kann, wird die Beschichtung an den Motivstellen weggebrannt.

Zum Schluss kann die Folie im Hausmüll entsorgt werden. Genauso wie Reste der Tinte. Sie besteht im Wesentlichen aus Soja- oder Reiskleieöl – abhängig von den Pigmenten. Aufgrund von Folie und Tinte gilt die Risografie als umweltfreundlich.

Hinzu kommt ein geringer Stromverbrauch; der Drucker hat einen herkömmlichen 220-Volt-Stecker: „Die Stromkosten sind gering. Im Grunde genommen muss der Motor nur die Trommeln drehen“, beschreibt Sascha. Der Riso braucht im Gegensatz zu anderen Drucksystemen weder Heizelement noch UV-Lampe.

Quelle: Hannes Rohrer

Der technische Aufwand, einen Riso-Drucker zu nutzen, ist gering. Und das spiegelt sich in den Kosten des Endproduktes wider. Auch, wenn man auf hochwertige Papiere druckt: „50 Postkarten kosten bei uns in der Regel unter 80 Euro netto“, sagt Sascha. Damit sich das Rüsten des Druckers lohnt, beträgt das Auflagenminimum zehn A3-Bögen pro Motiv. Das entspricht fünfzig A6-Postkarten oder 250 Visitenkarten.

Wenn auch Visitenkarten zum Sortiment von Herrn & Frau Rio gehören: Ihr Herz hängt an größeren Projekten, die ihnen gestalterisch etwas abverlangen. „Die Ästhetik von Riso hat etwas ganz Eigenes. Man drückt nicht nur auf ein Knöpfchen. Es gehört mehr dazu. Kreativität“, erklärt Laura.

„Wir sind halt auch Kommunikationsdesigner“, ist Sascha wichtig. „Wir verstehen, was der Gestalter will. Wir wissen, was das Endprodukt bei seinem Kunden auslösen soll.“ Und sie wissen, was ihre beiden Risografen können. Sie holen das perfekte Unperfekte aus ihnen heraus. Trotz – nein, wegen ihrer Eigenheiten.

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