Out of Fokus statt Autofokus

08.09.2011
Wem die moderne Digitalfotografie zu clean und glatt ist, der sollte sich mal mit der Lomografie beschäftigen. Oder wie man es bei Lomo sagt: Die Zukunft ist analog!

LCA – der LOMO-Kompakt-Automat

Léningrádskoje Optiko Mechanitschéskoje Objedinénine” (kurz: Lomo) wird 2014 sein 100-jähriges Jubiläum feiern. Die dazugehörigen Kameras haben wider Erwarten sogar den Kommunismus überlebt. Vielleicht hat sich nirgends sonst die realsozialistische Logik vom Überholen ohne einzuholen so bewahrheitet wie hier. Im Sinne der Urväter des russischen Lomo-Kamerabaus aus den 30er Jahren war es sicherlich eine Bankrotterklärung, statt einer Eigenentwicklung 1983 eine japanische Knipskiste noch schlechter nachzubauen, als das schon überschaubar befähigte Original. Aber letztlich war diese Nichtkonstruktion der Lomo LC-A im KGB-Auftrag ein Segen für die gesamte Fotografie.

1992: Gründung der lomographischen Gesellschaft

Wien lag nahe am niedergerissenen eisernen Vorhang und Studenten hatten damals wie heute kein Geld. Außerdem war die Filmentwicklung im Preiskampf der Drogeriemärkte viel billiger geworden. All das verleitete ein paar österreichische Studenten zum exzessiven Fotografieren mit den billigen russischen Kameras. Und weil es soviel Spaß machte und die Bilder so gut ankamen, gingen sie anschließend gleich zum Importieren und Verkaufen der Kameras über. Warum scharf, wenn es auch unscharf geht? Warum durch den Sucher gucken, wenn man die Kamera auch einfach so in Richtung Nichtmotiv halten kann? Anstatt mit riesigen Prints die Galerien zu beeindrucken, begeisterten die Lomographen mit riesigen Wänden zusammengesteckter kleiner Bilder die Massen auf den Messen mit Massen. Und es funktionierte.

Lomo goes Plastik

Es funktionierte sogar so gut, dass dank der lomographischen Gesellschaft in Wien und ihrer lomographischen Botschaften auf der ganzen Welt bald schon neue Lomo-Kameras den Randlichtabfall der Welt erblickten. Die waren aus Plastik und kamen aus China, aber sie waren bunt und steckten voller alter und neuer Ideen. Warum nicht vier Objektive in eine Kamera einbauen, wenn dann plötzlich alle vor ihr auf und ab zu springen anfangen, um eben diese Bewegung abzubilden? Warum nicht ein Fisheye bezahlbar machen, weil mehr drauf nicht geht? Warum nicht eine Diana-Kamera aus den 60er Jahren wiederbeleben, wenn es sie nicht mehr gibt, aber alle von ihr schwärmen? Und warum nicht die Objektivproduktion der LC-A nicht nach China verlegen, wenn auch die letzte originale Lomo längst als neu zusammengebastelte refurbished Version unters Volk gebracht wurde. Schön schlecht gibt es im Reich der Mitte schließlich auch.

Zurück in die Zukunft

Während ältere Fotografengenerationen während des digitalen Wandels gerne deprimiert über die künftige Verfügbarkeit von Filmmaterialien sinnierten, haben die Lomographen dieser Welt einfach fotografiert und damit durch Nachfrage vermutlich mehr zum Erhalt einer chemischen Kulturtechnik getan, als alle arrivierten Künstler zusammen. Wenn dereinst spätere Generationen auf die Jahre um die Jahrtausendwende zurückblicken, dann werden sie ihr buntes Wunder erleben. Während die unzureichend archivierten digitalen Daten der Anfangszeit dann vermutlich zahlenmäßig nur unzureichend überlebt haben, staunen unsere Nachkommen bestimmt über die vielen kleinen Bilder. Sie werden sich wundern, wie sich die Fotoindustrie in so kurzer Zeit qualitativ so verschlechtern konnte, aber sie werden neidisch auf ihre abgebildeten Vorfahren gucken und sich sagen: „Die hatten verdammt viel Spaß!“

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