Open Type 1.8: Flexibilität gewünscht

19.07.2018
Es kann nur eine geben. Eine Kursive, eine Regular, eine Bold, eine Condensed. Diese Denke, das war einmal. Open Type 1.8 lässt Schriften mutieren. Fachlich ausgedrückt: Schriften werden variabel.

Bereits vor etlichen Jahren haben Adobe mit Multiple Master und Apple mit TrueType GX Ähnliches versucht. Jetzt haben sich beide mit Google und Microsoft zusammengetan. Und die neue Spezifikation steht, Open Type 1.8 läuft an.

Stufenlose Schriftschnitte

Schriften können nun nach Bedarf ein unterschiedliches Aussehen annehmen. Technisch gesprochen handelt es sich um das dynamische Interpolieren eines Basis-Fonts, um zahlreiche Schriftschnitte zu erhalten. Sprich: Es werden unterschiedliche Strichstärken, Schriftbreiten und Lagen – in Kombination – erzeugt.

Man spricht von variablen Fonts. Interessant ist das etwa, wenn Webseiten responsiv sind und sich zum Beispiel der Schriftschnitt der Spaltenbreite automatisch anpasst, damit die Voraussetzungen zum Lesen optimal sind. Vorgestellt haben die Unternehmen die Idee der variablen Fonts im Herbst 2016 in Warschau auf der ATypI-Konferenz „Convergence“.

Ist Open Type 1.8 eine Revolution?

Auf den ersten Blick hört sich der Vorstoß nach einer Revolution an. Auf den zweiten ist es die konsequente Weiterentwicklung von Schriftendesign. Denn längst werden Schriftschnitte nicht stets von Null auf aufgebaut und gezeichnet.

Aus einer digitalen Basis heraus werden verschiedene Schnitte weiterentwickelt, softwarebasiert also. Auf den dritten Blick ist es dann doch wieder eine Revolution, weil die technischen Voraussetzungen für Open Type 1.8 enorm sind. Zum Beispiel aufgrund der notwendigen Rendering Engines.

Eine Spezifikation wird zum Standard

Noch lange ist die Spezifikation kein Standard, der alle anderen, statischen Schriften ablöst. Auch wenn es entsprechende Testschriften bereits gibt. Aber es ist zu erwarten, dass sie gerade im Webdesign und bei Apps ein Standard wird. Denn (nur) dort können sie nennenswerte Vorteile bieten.

Allerdings bringt das die Gefahr mit sich, dass Anwender wie Verlage mit Online-Angebot oder Webseiten-Agenturen investieren müssen, indem sie statische Schriften nach und nach ersetzen. Andererseits könnte auch eine andere Kostendiskussion aufkommen.

Wenn es eine variable Schrift gibt, die sich anpasst, wie immer man es braucht: Weswegen sollte man dann statische Schriftenfamilien überhaupt noch kaufen?

Technisch möglich = technisch nötig?

Bei allen technischen, verlockenden Möglichkeiten gilt: Die besten Ergebnisse erzielt der Mensch, wenn er sein Wissen, Können und Gestaltungsgeschick einsetzt – idealerweise gepaart mit dem neuesten Stand der Technik.

Das gilt auch in der Typografie und bei der Frage, welcher Schriftschnitt wann wie am besten wirkt. Deswegen birgt die neue Flexibilität auch Gefahren. Denn je mehr Freiheiten man hat, desto mehr muss man über das jeweilige Thema wissen.

Vielleicht ermutigt Open Type 1.8 aber auch, sich über die Möglichkeiten der Gestaltung mit Schrift nachzudenken. Und das wäre wünschenswert.

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