Besuchszeit

20.12.2010 09:00:00
Namsom ist neun Jahre alt, aber erst in der zweiten Klasse. Jetzt will sie unbedingt lernen, um ihrer Mutter schreiben zu können. In der School for Life wird ihr geholfen.

Der Transporter mit vergitterten Fenstern fährt langsam rückwärts bis an das Gefängnistor. Eine Luke öffnet sich. Eine Gefangene in blauem Kittel versucht in Zeitlupe, gestützt von einer zweiten Gefangenen, den Wagen zu erreichen. Ihre Arme und Beine sind bis auf die Knochen abgemagert. Um in das Innere des Wagens zu gelangen, muss die Frau zwei Stufen überwinden. Sie schafft es nicht. Sie setzt sich auf die untere Stufe und wird von der zweiten Gefangenen hochgezogen. Zwei Wärterinnen in schmucken Uniformen schauen zu. Es wird die letzte Fahrt der aidskranken Frau sein. Sie soll nicht dort sterben, wo alle anderen Gefangenen leben.

Im Frauengefängnis von Chiang Mai befinden sich 1.400 Gefangene. 140 Frauen teilen sich einen großen Raum. Privatheit ist ausgeschlossen. Wer sich eine Matratze leisten kann, hat es besser. Alle anderen schlafen auf nacktem Boden. Es sei die Hölle gewesen, berichtet eine Kanadierin, die auf dem Night Bazar von Chiang Mai ihren Mann erschossen hatte und schon nach drei Jahren wieder freigelassen wurde.

Quelle: School for Life

Das Gefängnis im historischen Viertel von Chiang Mai ähnelt einem Fort im kolonialen Stil. Die Außenwände sind weiß gestrichen und an der Frontseite mit Blumen bemalt. Vor dem Gefängnis befindet sich ein langgezogener Marktstand. Dort gibt es Obst und Junk Food, Wäsche und Süßigkeiten zu kaufen. Es ist ein gefängniseigenes Unternehmen. Waren, die hier erworben werden, können von der Gefängnisverwaltung an die Insassen weitergeleitet werden.

Wir sind hier mit Namsom, einem neunjährigen Mädchen aus der School for Life, dessen Mutter zu fünfundzwanzig Jahren Haft verurteilt wurde, weil sie in den Handel mit 2.000 YaBa-Tabletten verwickelt war. YaBa bedeutet so viel wie „die verrückt machende Medizin”. Man bleibt sehr lange wach davon. Von den fünfundzwanzig Jahren hat Namsoms Mutter drei hinter sich gebracht.

Namsoms Mutter Na-ü ist eine Burmesin, die als Neunjährige nach Thailand floh und mit vielleicht fünfzehn Jahren ein Kind bekam und mit neunzehn Jahren von einem anderen Mann ein zweites Kind. Das nannte sie Namsom. Als Namsom drei Jahre alt war, wurde sie vor dem Tor der School for Life ausgesetzt. Sie hatte eine Geburtsurkunde dabei, die sie als staatenlos auswies. Als Wohnsitz war das Krankenhaus vermerkt, in dem sie geboren wurde. Namsoms Mutter hatte sich an diesem Tag in einiger Entfernung hinter Gebüschen versteckt und gewartet, bis zwei Farmarbeiter der School for Life Namsom fanden und sie hereinholten.

Quelle: School for Life

Drei Jahre später, als Namsom sechs Jahre alt war, besuchte Na-ü sie in der School for Life. Namsom entwickelte sich auf eigene Weise: Bis vor kurzem war sie nicht dazu zu bringen, Lesen oder Schreiben zu lernen. Namsom ist nun neun Jahre alt, aber erst in der zweiten Klasse. Was indessen „life skills” anbelangt, spielt sie ganz vorne mit. Und sie kann einem Löcher in den Bauch fragen – es ist ihre Art, sich die Welt zu erschließen und das zu lernen, was sie selbst lernen will. Im Grunde ist sie – ohne es zu wissen – eine praktizierende Anhängerin der Entschulungsdebatte, die der mexikanischen Priester Ivan Illich mit seinem Buch „Deschooling Society” („Entschulung der Gesellschaft”) Anfang der siebziger Jahre wie eine Lawine losgetreten hat: weg mit den die soziale Ungleichheit zementierenden Schulen, stattdessen die Einrichtung von Lernbörsen, die Menschen, die Wissen und Erfahrungen anbieten wollen, an solche vermitteln, die danach fragen.

Namsom bestimmt, was sie lernen will. Will sie nicht, perlen Ansinnen, doch bitte den Anforderungen des Unterrichts nachzukommen, wie Regentropfen ab. Nun aber gibt es eine Wende: Namsom will lesen und schreiben lernen. Ihre Mutter hat ihr aus dem Gefängnis einen Brief geschickt und Namsom gebeten, ihr auch zu schreiben. Na-ü hat ihren Brief einer Freundin diktiert und – so lässt sich vermuten – den Gepflogenheiten unter Gefangenen entsprechend, eine Dienstleistung dafür erbracht. Na-ü ist Analphabetin, und Namsom will nicht, dass sie ihre eigenen Briefe auch einmal jemandem diktieren muss.

Es ist 8:40 Uhr, als wir mit zwanzig weiteren Besuchern in das Gefängnis eingelassen werden. Mitgebrachte Gegenstände müssen in Schließfächern verstaut, Ausweise abgegeben und Formulare ausgefüllt werden. Die Besuchszeit beträgt fünfzehn Minuten. Eine Gruppe, die vor uns Einlass gefunden hatte, kommt heraus. Wir warten in einem Vorraum. Ein Fernseher läuft. Unsere Nummer wird aufgerufen, und wir werden in den Besucherraum eingelassen. Er ist in der Mitte durch eine halbhohe Mauer mit aufgesetzter Glasfront geteilt. Auf beiden Seiten gibt es Telefone, mittels derer man die Verbindung herstellen kann. Namsom nimmt den Hörer und wartet. Sie steht direkt an der Glasscheibe. Eine zweite Reihe von Besuchern hinter uns an der Wand muss über größere Sichtdistanz telefonieren. Ein lautes Stimmengewirr füllt nun den Raum.

Namsoms Mutter kommt. Sie strahlt und spricht mit Namsom, die gerade groß genug ist, um mit ihrem Kopf über den unteren gemauerten Teil der Trennwand die Höhe der Glasscheibe zu erreichen. Namsom fragt ihre Mutter, ob sie nächstes Jahr heraus käme. Na-ü verneint. Wir fragen sie nach ihrem Anwalt, denn wir meinen, dass eine fünfundzwanzigjährige Haftstrafe nach europäischem Rechtsempfinden die Verhältnismäßigkeit bei weitem übersteigt. Aber Na-ü kennt weder den Namen noch die Telefonnummer des Anwalts – möglich, dass es ein Pflichtverteidiger war, der sich nach der Urteilsverkündung nicht wieder blicken ließ. Auf die Frage, ob sie etwas brauche, antwortet Na-ü, sie habe keine Unterwäsche und keinen Schlafanzug. Wir sagen, dass wir beides besorgen können.

Eine schrille Klingel zeigt das Ende der Besuchszeit an. Namsoms Mutter strahlt auch jetzt noch. Namsom ist der einzige Mensch, der sie besucht. Namsom weiß, was ein Gefängnis ist, und ihr ist auch bewusst, dass ihre Mutter eine Straftat begangen hat. Aber, sagt sie später, sie sei froh über ihre Mutter, denn sie hätte wenigstens eine. Viele der anderen Kinder haben keine.

Weil das so ist, wird der Muttertag, der in Thailand am Geburtstag der Königin gefeiert wird, in der School for Life zum Tag der Erinnerung, der Wehmut und Trauer und manchmal auch der Tränen. „This is our home. This is our family. This is School for Life”. So endet das Schullied.

Wir Besucher verlassen den Raum und verabschieden uns von Na-ü. Draußen kaufen wir anderthalb Kilo Obst, drei Unterhosen und einen Schlafanzug. Mehr ist nicht erlaubt. Alles wird protokolliert, verpackt und mit einem Begleitzettel versehen. Wir übergeben auch 1.000 Baht (etwa 25 Euro), damit die Gefangene drinnen nötige Dinge erwerben kann. Sie ist gesundheitlich angeschlagen, ihr Blutdruck ist zu niedrig, und ihr wird oft schwindelig.

Verwunderlich – oder vielleicht auch nicht so ganz verwunderlich – ist, dass bei Geldübergaben das Limit ungleich höher liegt als beim Obstkauf. Gefangene dürfen bis zu 100.000 Baht (etwa 2.500 Euro) erhalten. Es ist unschwer vorstellbar (und durch Berichte ehemaliger Gefangener auch dokumentiert), was damit geschieht: Hier verwandelt sich das Gefängnis in ein Business mit vielen Nutznießern, mit Geldköniginnen, die sich einen Hofstaat halten, und Wärtern, die viele Wünsche erfüllen können, wenn sie selbst etwas davon haben.

Quelle: School for Life

Hätten wir einen Zauberstab und könnten dicke Mauern öffnen, würden wir sagen „Khun Na-ü, pack Deine Sachen, komm heraus und lebe mit Deiner Tochter Namsom auf der Farm. Drei Jahre Gefängnis und Vorhölle dafür, dass Du nach Deiner Flucht irgendwann aus dem Tritt geraten bist, sind genug. Du wirst Deine Lektion gelernt haben. Jetzt ist es Zeit, Mutter zu sein, Lesen und Schreiben zu lernen und Perspektiven zu entwickeln.”

An den Tagen nach dem Besuch ist Namsom vergnügter als sonst. Sie tobt herum, verkleidet sich und lässt sich dabei fotografieren. Wir werden mit Namsom zusammen Na-ü regelmäßig besuchen und uns um einen Rechtsbeistand bemühen. Vielleicht werden aus den fünfundzwanzig Jahren nur zehn. Aber auch die wären viel zu lang.

Jürgen Zimmer

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