Künstliche Intelligenz im Design-Workflow

28.03.2019
Mitte März drehte sich auf der 8. MUNICH CREATIVE BUSINESS WEEK (MCBW) alles rund um Künstliche Intelligenz (KI). Wie KI unsere Designer-Realität beeinflusst, darüber sprachen wir mit Henrik Rieß, Creative Director bei der User Interface Design GmbH, Berlin.

LASERLINE: Herr Rieß, wie können Grafiker und Designer neue Technologien in ihren Gestaltungsprozess mit einbinden? Welche Möglichkeiten gibt es?

Henrik Rieß: Wir bei UID setzen grundsätzlich auf mensch-zentrierte Gestaltung (Human Centered Design, kurz HCD). Die Auseinandersetzung mit neuen Technologien sind oft Teil des Gestaltungsprozesses – entweder weil sie neue Bedürfnisse hervorbringen oder eingesetzt werden, um bestehende Probleme zu lösen. Wir merken, dass sich auch Kunden immer stärker mit neuen Entwicklungen auseinandersetzen, etwa Chatbots, KI und Augmented Reality (AR).

Designer und Gestalter müssen deshalb verstehen, wie diese Technologien funktionieren, um den Kunden einen sinnvollen Einsatz innerhalb ihrer Geschäftsmodelle vorschlagen zu können. Für uns ist es also wichtig, Technik bereits in-House zu explorieren und den sinnvollen Einsatz für etwa einen Chatbot ausgiebig zu testen: Wenn dieser beispielsweise nicht mit natürlicher Sprache oder Humor umgehen kann, wird der Kontext der Eingabe nicht erfasst. Dadurch können schlimmstenfalls irreversible gesundheitliche oder echte finanzielle Schäden entstehen.

Quelle: User Interface Design GmbH

Auch AR wird in den kommenden Jahren den Durchbruch erlangen. Im Smartphone-Segment wird diese Entwicklung durch die zunehmende Verbreitung von Apples ARKit oder Googles ARCore gepusht. Diese Frameworks erlauben es, virtuelle Informationen im Raum in das Kamerabild zu platzieren.

Da Geräte, Hersteller und die Infrastruktur allgemein noch segmentiert an ihren proprietären Lösungen arbeiten, wird es aber noch ein paar Jahre dauern, bis wir einen universellen Standard für AR-Lösungen („AR Cloud“) haben. Außerdem muss erstmal die Technik leichter, akkustärker und spezialisierter für den Alltagsgebrauch werden.

Im Bereich Designforschung arbeitet UID im Projekt „Holomed“ bereits mit AR, um Mediziner im OP zu unterstützen: Trägt etwa eine Neurochirurgin bei der Punktion des Hirnventrikels die HoloLens, wird ihr eine Navigationsunterstützung direkt ins Sichtfeld eingeblendet. So kann sie die Punktion erfolgreich durchführen. Leider sind solche nützlichen Use Cases für AR noch Einzelfälle. Für den Massenmarkt müssen noch passende Produkte gefunden werden, damit immersiv erlebbare AR in unseren Alltag integriert werden kann.

Und dann kommt noch 3D ins Spiel: Die 3D-Computergrafik- und computergestützte Anwendungssoftware Rhinoceros (Rhino) etwa nutzt einen Algorithmus, um 3D zu erzeugen. Gestalter müssen nur die Regeln verändern, den Algorithmus, um etwa bei einer Verpackung das Volumen zu verändern, das Verpackungsgewicht oder andere Variablen.

Auch im Produktdesign spielt das immer mehr eine Rolle. Gestalter müssen sich also weniger mit der handwerklichen Umsetzung der Idee auseinandersetzen, dafür mehr mit der Veränderung der Variablen, des Algorithmus.

Sie sprechen von Computational Design, der generativen Gestaltung. Müssen denn Kreative zu Programmierern werden?

Das ist eine viel diskutierte Frage, gerade in der Designlehre, in der Studierende mit dem Selbstverständnis heranwachsen, dass sie ihre Entwürfe mittels prototypischer Programmierung selbst testen und weiterentwickeln können. Computational Design hat in den vergangenen Jahren Bereiche wie Architektur, Produktdesign und Visuelle Kommunikation entscheidend verändert.

Durch das Anpassen von Parametern und Regeln in einem digitalen Entwurfsmodell lässt sich eine große Vielfalt an Variationen erzeugen. Deshalb müssen sich Kreative zukünftig damit auseinandersetzen, wie diese Regeln erzeugt und verändert werden können.

Das kann einerseits über grafische Benutzeroberflächen oder direkt im Code erfolgen. Um hier Ängste zu nehmen: Nicht jeder Gestaltende wird damit automatisch in die Programmierung eintauchen. Wichtig wird aber sein, ein grundlegendes Verständnis der Tools und Einflussmöglichkeiten zu bekommen.

Quelle: User Interface Design GmbH

Aber wo liegt da noch der kreative Prozess?

Der Gestaltende muss sich überhaupt mit den Möglichkeiten auseinandersetzen, die neue Technologien bereithalten. Gerade im Bereich KI gibt es enorm viele Tools, die uns bereits heute arbeitsintensive Routineaufgaben abnehmen können – egal, ob es um das Freistellen von Portraits, das Retuschieren von Fotos nach Wunschvorstellung oder das Aufbereiten riesiger Datenmengen in einer dafür prädestinierten Visualisierungsform geht.

Das zeigt, dass sich die Aufgaben im Design verändern: Der Computer generiert Varianten und wir wählen den In- und Output aus. Denn ein künstliches neuronales Netz erzeugt lediglich Variationen auf Basis des Inputs und wir legen fest, welche Art von Output gewünscht und welche unerwünscht ist. Wir kuratieren die Inhalte.

Das bringt natürlich eine Verantwortung für den Input und dessen Einordnung mit. Wir Designer kommen dann ins Spiel, wenn es um das Überraschungsmoment bei der Gestaltung geht. Als Gestalter habe ich aktuell eine wesentlich größere Lebenserfahrung, als es KI hat. Das wird auch weiterhin das große Potential des Menschen bleiben.

KI ist also intelligent, aber nicht kreativ? Warum setzen wir sie dann überhaupt ein?

Die Bedeutung von KI im Entwurfsprozess wird vor allem darin liegen, langandauernde Routineaufgaben und ressourcenfressende Fleißaufgaben zu übernehmen oder Research-Material klar durchzustrukturieren. Gestaltende können die Technologie nutzen, um sich darauf zu konzentrieren, was sie wirklich mit ihrem Entwurf erreichen möchten. Daraus resultiert (hoffentlich) eine stärkere Rückbesinnung auf die Idee an sich.

Quelle: User Interface Design GmbH

Das klingt ein bisschen nach Zukunftsmusik. Wie realistisch sind die Szenarien, dass KI Designs vorbereiten, Bilder selber retuschieren und vieles mehr kann?

Es gibt schon einige Anwendungen. Das Freistellen etwa: Der Algorithmus hat gelernt, wie Haare vor Hintergrund aussehen und übernimmt diesen handwerklich aufwändigen Prozess sehr gut, beispielsweise RemoveBG.

Auch die großen der Branche haben das Thema KI und Kreativunterstützung für sich entdeckt: Adobe etwa nutzt für Sensei KI und Maschinelles Lernen (ML), um Design und Marketing zu unterstützen und Bilder zu optimieren, zum Beispiel in einem Portrait nachträglich die Mimik zu verändern.

Dieser Realismus in dieser Geschwindigkeit ist schon beeindruckend. Noch weiter geht der GauGAN Showcase von Nvidia: Sie nutzen KI für viele Neuerungen – am beeindruckendsten ist, wenn aus ein paar Strichen ein fertiges Bild entsteht, ohne umständliches Modelling und Abrendern. So fühlt sich Zukunft an.

Genauso gut wird KI auch bald sehr pragmatische Visual User Interfaces übernehmen können, wie standardisierte Icon-Metaphern in Corporate-Stil zu übersetzen.

Das klingt nach einer deutlichen Arbeitserleichterung für Gestalter – ist es das?

Ja und nein. Natürlich müssen wir als Gestaltende in den kommenden Jahren viel dazu lernen, aber das Leben kostet leider Kalorien. Wir werden mit KI im beruflichen und auch privaten Alltag leben. Welche Ausmaße das langfristig haben wird, ist reine Spekulation.

Sicher ist: Die Tools in unseren Arbeitsprozessen werden sich verändern. Ich habe aber die Hoffnung, dass sich Gestaltung wieder stärker auf das Identifizieren von Problemen und das Finden von angemessenen Lösungen fokussiert.

Quelle: Adobe

Gestalter müssen also nur das passende KI-Werkzeug einsetzen?

Nein, nicht nur. Die Aufgabe für Designer wird spezieller und einzigartiger. Man muss übergeordnet analysieren, Nutzerbewusstsein mitbringen und weiterhin gute und sinnvolle Gestaltung kennen. Wenn mir KI die Web-Farbtrends für 2020 aus Instagram voraussagt, dann kann ich dennoch mit meiner Lebenserfahrung einen Kontrapunkt setzen.

Wie gesagt, wir reden von Unterstützung, nicht Ersatz. Deshalb müssen wir KI in unseren kreativen Prozess einbetten – als ein Tool, eine Assistenz. Sie wird uns darin unterstützen, standardisierte Website-Templates auf Basis von Anforderungen zu erstellen, aber die wirklich strategische Ausrichtung – und daran glaube ich fest – wird weiterhin bei Design, Computer Science, Psychologie, Prototyping und Engineering liegen. Wir werden uns weiterhin auf Nutzerbedürfnisse konzentrieren.

Sie meinen die positiven Nutzererlebnisse, die Usability?

Nicht nur. Während sich die Usability vor allem darauf fokussiert, Nutzer, deren Ziele und Aufgaben in Einklang zu bringen, wird das gesamte Nutzererlebnis durch die umfassende User Experience definiert.

Für den Gestaltungsprozess bedeutet das zunächst einmal, zu klären, wo Gestaltungsbedarf besteht und welche Menschen von Problemen betroffen sind. Es ist ein Irrglaube, dass Gestaltung mit dem Entwurf beginnt. Eine positive User Experience lässt sich nicht erreichen, ohne vorher in die physische- und gedankliche Lebens- und Arbeitswelt der betroffenen Menschen abgetaucht zu sein.

Selbst nach jahrelanger Arbeit stellen wir immer wieder fest, dass hinter den zunächst vermuteten Bedürfnissen der Anwender ganz andere Motive stecken. Das ist das Überraschende und Spannende an unserer Tätigkeit.

Erst wenn diese Anforderungen stehen, ergibt es Sinn, in einen fokussierten Entwurf zu gehen. Und der erste Entwurf muss nicht der finale sein. Gute Gestalter können damit leben, dass erste Entwürfe auch einmal wieder verworfen werden.

Gestalter müssen also den Nutzer kennen, ihn einschätzen und die Technik beherrschen. Sie haben darüber viel mit den Teilnehmern der 8. MUNICH CREATIVE BUSINESS WEEK diskutiert. Wie haben die anwesenden Gestalter das gesehen?

Einige waren überrascht und verwundert, was schon alles möglich ist. Ebenso war vielen Teilnehmenden klar, dass das damit verbundene Berufsbild stetig im Wandel ist. Der klassische Grafiker, der sich als reiner Umsetzer versteht, wird in meinen Augen immer weniger Relevanz haben.

Strategische, fachlich fundierte Beratung und starke Meinungen werden dagegen weiter gebraucht werden – die KI wird dabei unterstützen. Der klassische HCD-Ansatz bleibt, wird aber zunehmend weiterführende Fragestellungen, wie zum Beispiel Nachhaltigkeit und Digitale Ethik aufgreifen.

Insofern müssen sich Gestalterinnen und Gestalter in Emerging Technologies weiterbilden. Ich jedenfalls habe keine Angst vor KI. Im Gegenteil: Ich freue mich auf eine Zukunft, in der ich noch viel lernen werde.

Vielen Dank für das Interview!

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