In der Ruhe...

06.11.2014
Ein Foto braucht Aufmerksamkeitszentren und Ruhezonen. Je mehr Bilder wir sehen, desto wichtiger sind die Elemente, die uns innehalten lassen. Ein Plädoyer für eine Bildgestaltung mit Ruhepunkten.

In der Ruhe liegt die Kraft. Dem modernen Menschen ist alles zu hektisch. Und wenn er denn mal den Kopf vom Smartphone-Display hebt, dann will er auch durchschnaufen.

Dazu braucht ein gutes Bild meistens, denn keine Bildgestaltungsregel ohne bestätigende Ausnahme, seine Ruhepunkte. Andererseits kann kein Bild nur mit Ruhepunkten begeistern. Also volle Aufmerksamkeit auf die Aufmerksamkeitszentren.

Die Spannung

Gegensätze ziehen sich an. Manchmal klappt das sogar in der Partnerschaft. Aber Gegensätze machen viele Dinge erst sichtbar. Gerade auch Fotos leben davon.

Die fotografische Relativitätstheorie ist seit den ersten Tagen der Fotografie aktiv. So stellten die Lichtbildner im 19. Jahrhundert meist einen Menschen vor die Pyramide, weil zu Hause in Europa kein Mensch wusste wie groß eine Pyramide wirklich ist.

Aber nicht nur sachlich leben Bilder von Relationen und Unterschieden, sondern auch gestalterisch.

Ein gutes Bild braucht seine Ruhepunkte, allerdings kann kein Bild nur mit Ruhepunkten begeistern. Quelle: berggeist007 / pixelio.de

Die Zentren

Ein Bild braucht Aufmerksamkeitszentren und Ruhezonen. Je mehr Bilder täglich auf uns einprasseln, desto wichtiger sind die Elemente, die uns innehalten lassen. Was zieht zuerst die Aufmerksamkeit auf uns?

Meist sind das die Elemente, die wir schnell erkennen und als Ganzes erfassen können. Da setzt das Hirn das erste Häkchen. Und natürlich darf diese Ersterkennung auch noch kräftig beworben werden: mit dem ganz besonderen Ausdruck, einer eingefrorenen Bewegung, einer kräftigen Farbe.

Noch erfolgversprechender sind mehrere Aufmerksamkeitszentren. Dann aber lieber drei spannende als zwei gleichberechtigte.

Die Ruhe

Den ersten Blick haben wir gefangen, aber wie halten wir den Betrachter jetzt fest an unserem Bild? Genau dazu braucht es die Ruhezonen. In diesen Flächen darf durchaus etwas passieren oder etwas zu entdecken sein – wie eine feine, besondere Struktur, die sich eben erst auf den zweiten Blick zeigt.

Aber diese Ruhezonen dürfen nie in Konkurrenz zu den eigentlich Foto-Highlights treten. Auf Grund der Ruhezonen sind drei Zentren auch besser als zwei.

Denn so entstehen Dreiecks-Ruhe(!)-Flächen vor dem geistigen Auge, die dann wieder Raum für die Aufmerksamkeit lassen. Zwischen zwei punktuellen Zentren kann dagegen keine Fläche entstehen.

Die Ignoranz

Man kann potenzielle Bilder beim Blick durch den Sucher vor seinem geistigen Auge mit Linien, Mustern und goldenen Schnitten überziehen. Man kann es aber auch lassen. Gerade wenn es schnell gehen muss beim Fotografieren, läuft Bildgestaltung meist unbewusst ab.

Doch unbewusst heißt nicht ungeübt. Ähnlich wie der Mittelstürmer besser nicht anfängt zu denken, wenn er allein auf den Torwart zuläuft, aber doch daraus schöpft, diese Prozesse immer wieder geübt zu haben, so ist auch Fotografie eine lebenslange Schule des Sehens.

Wer sich in Ausstellungen und Bildbänden immer wieder fragt, warum dieses Bild jetzt so eine Faszination ausübt, bei dem werden genau diese Erkenntnisse nach und nach unbewusst ins eigene Gestalten einfließen.

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