Schriftklassifikation

19.10.2005 09:00:00
In Zeiten des Desktop Publisihing wird die Ordnung von Schriften nach der 1964 gesetzten DIN-Norm den modernen Anforderungen nicht mehr gerecht.

Auf Grund der Vielfalt der bestehenden Schriften einigte man sich 1964 in Deutschland auf eine Norm zur Klassifikation von Schriften. Die DIN 16 518 soll dabei helfen, die Übersicht zu bewahren und typografische Gestaltungsprozesse zu optimieren. Doch die damals angewandte Schriftklassifikation wird heutigen Anforderungen nicht mehr gerecht. Hinzu kommt, dass die deutsche Terminologie stark von der internationalen Namensgebung von Schriften abweicht. In Zeiten des Desktop Publishing ist diese Art der Schriftklassifikation deshalb eigentlich längst überholt und man muss an eine Überarbeitung denken.

Wozu Schriftklassifikation?

Durch die zunehmende Vielfalt bestehender Schriften wurde es bereits Mitte des letzten Jahrhunderts schwer, die Übersicht zu behalten. Deshalb setzten sich um 1950 bereits Schriftexperten mit einem Ordnungssystem auseinander, das Schriften übersichtlicher kategorisieren sollte. Ziel einer solchen Schriftklassifikation war es, Schriften nicht nur zu ordnen, sondern bereits bestehende zu katalogisieren und neu hinzukommende besser in eine Schriftenbibliothek einordnen zu können. So sollte Grafikern und Designern ein schnellerer Zugriff auf Schriften gewährleistet sein und damit eine Optimierung ihrer Arbeitsprozesse. Aber auch Typografen sollten hierdurch vom Entwurf bis zur Produktion verbesserte Bedingungen erhalten.

DIN 16 518

Das deutsche Institut für Normung e.V. legte auf Basis der von der Association Typographique Internationale (kurz: ATypI) erarbeiteten Klassifizierungsvorschläge 1964 die DIN 16 518 als deutsches Klassifizierungssystem für Schriftarten fest. Sie unterteilt die Schriften in elf auf deren Entstehungsgeschichte aufgebaute Gruppen, von I (Venezianische Renaissance-Antiqua) bis XI (Fremde Schriften). Problem dieser Art der Klassifikation aber ist, dass im Gegensatz zu anderen nationalen Klassifizierungen die DIN 16 518 in der Gruppe VII (Antiqua-Varianten) andere Inhalte vorweist und die Gruppe X (Gebrochene Schriften) mit der Gruppe XI (Fremde Schriften) weiter unterteilt wurde. So nutzte man zwar die Vorschläge der ATypI, um auch eine internationale Vergleichbarkeit zu erhalten, führte diese aber ad absurdum durch die neue Unterteilung.

Umstrittene Klassifikation

Deshalb ist die bestehende Schriftklassifikation nach DIN 16 518 stark umstritten. Neben der unterschiedlichen Terminologie wird ihr auch vorgeworfen, dass sie der technischen Entwicklung der letzten Jahre nicht mehr gerecht werde. Mit der Modernisierung auch der Grafikbranche und dem Einsatz des Computers nahm auch die Zahl elektronischer Schriften zu, die international eingesetzt werden. Sie in bestehende - und teils veraltete - Klassifikationssysteme einzugliedern ist mitunter schwer. Dies sieht auch das deutsche Institut für Normung e.V. und überarbeitet derzeit die bestehende DIN-Norm. Bislang aber konnten sich die Schriftexperten auf keine neue Norm einigen, so dass zahlreiche "externe" Neuklassifikationen sich ihren Weg bahnten, wie z.B. die Matrix Beinert des deutschen Typografen Wolfgang Beinert für Druck- und Screenschriften. Dennoch kann keiner der derzeit existierenden Vorschläge die Vielfalt und Gemeinsamkeiten aller bislang existierenden Schriften in sich vereinen.

Gelehrte Klassifikation

Unterrichtet und gelehrt wird - nach deutscher Gründlichkeit - deshalb nach wie vor die DIN 16 518. Sie ist nach Meinung vieler Experten nur in der Lage, die Bleisatz-Druckschriften hinreichend zu klassifizieren und erscheint für die Klassifikation digitaler Typografie eher ungeeignet. Sie leitet sich zum größten Teil deshalb von den Formmerkmalen eines Buchstabens und die Formgebung in der früheren Druckzeit ab. Wichtige Merkmale sind dabei die Formgebung der Serifen, wie Serifenübergänge, -seitenkanten und -unterkanten, wie auch die Form der Dachansätze, Proportionen und Höhen, die optische Achse und der Strichstärkenkontrast von Balken und Querbalken.

Schriftgruppen der DIN 16 518

Die DIN 16518 bietet elf Schriftgruppen, die sich wie folgt einteilen:

Gruppe I: Venezianische Renaissance-Antiqua
Ursprung: Mit Breitfedern erstellte humanistische Minuskelschriften des 15. Jahrhunderts
Form: kräftige Serifen, nach links geneigte Achsstellung, relativ große Ober- und Unterlängen, der Querstrich des e liegt meist schräg. Beispiele: Stempel Schneidler, Janson Text

Gruppe II: Französische Renaissance-Antiqua
Ursprung: Französische Schriften des 16. Jahrhunderts
Form: Geringe Unterschiede bei den Strichstärken, nach links geneigte Achse, ausgerundete Serifen, keilförmige Ansätze an den senkrechten Strichen. Oberlängen der Minuskel meist etwas länger als die Höhe der Versalien. Beispiele: Garamond, Goudy Mediaeval, Bembo, Palatino

Gruppe III: Barock-Antiqua
Ursprung: Schriften des 18. Jahrhunderts, bis kurz vor Klassizismus
Form: Strichstärken unterschiedlich, Achse der Rundungen steht fast senkrecht, Kleinbuchstaben meist oben mit schrägen und unten mit geraden Serifen, Rundungen an den Serifen schwächer ausgeprägt. Beispiele: Concorde, Baskerville, Times.

Gruppe IV: Klassizistische Antiqua
Ursprung: Stilelemente des Klassizismus zu Beginn des 19. Jahrhunderts
 Form: starke Unterschiede zwischen Haar- und Grundstrichen, waagerecht angesetzte Serifen, senkrechte Achse bei Rundungen, kaum Rundungen am Serifenansatz. Beispiele: Bauer-Bodoni, Bookman, Walbaum, Didot.

Vertreter der Gruppen V bis XI werden schließlich nicht mehr nach ihrer Entstehung, sondern nach ihren Formmerkmalen bestimmt.

Gruppe V: Serifenbetonte Linear-Antiqua
Form: Mehr oder weniger starke, aber auffallende Betonung der Serifen, Haar- und Grundstriche sind fast gleich dick. Art und Kehlung der Serifen sind merkmale von Untergruppierungen. Beispiele: Egyptian, Excelsior, Figaro, Rockwell.

Gruppe VI: Serifenlose Linear-Antiqua
Form: Auch "Grotesk" oder "Sans Serif" genannt. Keinerlei Serifen vorhanden, Strich gleichmäßig, Kontrast zwischen Grundstrich und Haarlinien kaum vorhanden. Beispiele: Helvetica, Univers, Futura, Gill Sans.

Gruppe VII: Antiqua-Varianten
Form: Für alle Antiqua-Varianten, die nicht in die Gruppen I bis III und VIII und IX passen, weil ihre Strichführung nicht deren Charakter entspricht. Vor allem für Zierschriften gedacht. Beispiele: Optima, Largo, Souvenir.

Gruppe VIII: Schreibschriften
Form: Druckschriften, welche die Schreibschrift nachempfinden, auch "Script" genannt. Beispiele: Brush Script, Kaufmann, Zapf Chancery.

Gruppe IX: Handschriftliche Antiqua
Form: An Antiqua angelehnt, in Richtung Schreibschrift modifiziert. Beispiele: Ondine, Post Antiqua.

Gruppe X: Gebrochene Schriften
Sogenannte "Frakturschriften", die seit Ende des zweiten Weltkriegs nicht mehr so oft gebraucht werden. Gehen weitgehend auf gotische Schriften zurück. Beispiele: Schwabacher, Fette Fraktur Gebrochene Schriften.

Gruppe XI: Fremde Schriften
Alle Schriften, die nicht zu den vorhergehenden Gruppen passen, vor allem nicht-lateinische Schriften wie Chinesisch, Kyrillisch oder Arabisch.

Neue Gruppe "Moderne Schriften"?

Auf Grund der bereits erwähnten Probleme wird die DIN 16 518 den modernen Schriften nicht immer gerecht. Mit der Computerisierung und damit auch der Internationalisierung der Gestaltungsbranche sollten aber auch Monitorschriften mit in eine Klassifikation aufgenommen werden und eine globale Klassifizierung sich ihren Weg bahnen. Denn neben der DIN 16 518 existieren weltweit die unterschiedlichsten typografischen Klassifikationsmodelle, wie die italienische"Classificazione Novarese", die französische "Classification typographique de Vox-AtypI", die "British Standards 2961" oder die zunehmend anerkannte deutsche "Matrix Beinert". Deshalb setzte man inzwischen ohne offiziellen Beschluss der DIN-Konferenz einfach an die Gruppe XI eine weitere Gruppe an: Gruppe XII listet alle "Modernen Schriften" auf, die experimentell und ausgefallen sind. Beispiele: Comic Sans, Hobo, Stop, OCR-Schriften.

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