Hilfe, was zieh ich meinem Text nur an?

27.02.2015 09:00:00
Hilfe, was zieh ich meinem Text nur an?

Es gibt zigtausend Schriften auf dem Typomarkt. Wie soll sich da jemand zurechtfinden? – Deshalb hier zur Orientierung einige Kriterien für die Schriftwahl

Mit Turnschuhen abends ins Edelcasino? Niemals! Auch für bestimmte Vorstellungsgespräche werfen wir uns in einen gut sitzenden Anzug. Gleichzeitig wissen wir natürlich, daß ein Smoking komplett over- und ein ballonseidener Jogger underdressed wären. Im klassischen Business rangiert Kleidung von eher „steif“ für einen offiziellen Empfang über „repräsentativ“ bis zu „casual“. Privat mögen es vor allem Frauen für eine exzentrische Party gern extravagant. Beim Sport wiederum soll uns Kleidung schützen und etwas aushalten. Unsere Stimmung, die jeweilige Jahreszeit und Verfügbarkeit tragen zudem zu unserer täglichen Auswahl vor dem Kleiderschrank bei. Geht Kleidung über den reinen Schutz hinaus, gilt einerseits das „Nicht-Auffallen“ im Rahmen bestimmter Konventionen. Wer sich dagegen bewusst auffallend kleidet, unterstreicht damit seine Individualität.

Mit Schrift verhält es sich im Grunde ganz genauso. Designer ziehen Texten und Wörtern modische, konventionelle oder funktionale Kleider an. Da gelten die gleichen Fragen: Party oder Business? Was muss der Text aushalten können? Wird er z. B. auf einfachem Zeitungspapier gedruckt oder gefaxt, muss die Schrift trotz dieser eher widrigen Bedingungen auch in kleinen Größen gut lesbar sein – das bewirken höhere Mittellängen (sie entsprechen der Höhe eines kleinen „x“) und kräftigere Serifen. Die Times wurde für ebendiese Zeitung entwickelt. Sie ist weiterhin im Zeitungsdruck und in der Bürokommunikation beliebt und bietet mehrere Vorteile: Sie ist robust, offen und im Platzverbrauch ökonomisch. Und sie ist gut lesbar, denn lange Texte will man einfach so „weglesen“. Da ist es hilfreich, wenn nicht einzelne Buchstaben in den Vordergrund treten und ständig sagen, wie schick sie sind. Denn sexy ist die Times nicht wirklich. Und schon sind wir bei der extrovertierteren Aufgabe, die Schrift übernimmt: Aufmerksamkeit erregen, abgrenzen. Wenn sich Überschriften und Schriftzüge nicht von langen Texten abheben, werden sie übersehen. Schriften, die anders sind, fallen auf und transportieren zum Beispiel auf Plakaten oder Plattencovern Individualität. Sie machen den Charakter eines Unternehmens oder Produkts sichtbar. Nicht umsonst heißt „Buchstabe“ auf Englisch character.

Um für die jeweilige Aufgabe die richtige Schrift zu finden, sind folgende Fragen sinnvoll:

Mit oder ohne Serifen? Serifenschriften transportieren mit ihren (feinen oder betonten) Füßen eher Standfestigkeit und wirken meist traditioneller und wertiger. Serifenlose Schriften kommen dagegen eher technischer und moderner daher.

Mit welchem Ausdruck? In beiden Schriftgattungen gibt es Schriftarten mit wärmeren, sachlicheren und härteren Formen, mit mehr oder kaum Strichstärkenkontrast. Die drei zugrunde liegenden Prinzipien dynamisch, statisch und geometrisch sind in der Tabelle beschrieben.

Wie wichtig ist die Lesbarkeit? Bei Bankdaten auf einer Rechnung ist gute Lesbarkeit das A und O. Deshalb passt hier das dynamische Formprinzip einer Meta oder das statische einer Helvetica mit wenig Strichstärkenkontrast. Bei einem neugierig machenden Plakat oder einer emotional groß gesetzten Magazin-Headline kann mit einer geometrischen Schrift wie der Futura oder Eurostile die Lesbarkeit hinter dem Ausdruck zurückstehen. In der Literatur wird klassischerweise für lange Texte eine dynamische Bembo oder Garamond genommen. Auch eine Palatino oder Minion passen hier. Gute Lesbarkeit ist wichtig, um ein Buch entspannt lesen oder weiter entfernte Straßenschilder auch bei schlechter Witterung entziffern zu können. Für gute Fernwirkung werden sogenannte dynamische Groteskschriften verwendet. In beiden Situationen muss der Leser möglichst leicht einzelne Buchstaben getrennt voneinander erkennen können. Denn bei der Lesbarkeit kommt es nicht etwa auf Einfachheit, sondern auf Eindeutigkeit der Zeichen an. Eine geometrische Schrift wie die Futura ist einfach aufgebaut. Auf Dauer ermüdet sie jedoch den Leser. Die Formen eines b und d oder p und q sind bei ihr lediglich gespiegelt, das Auge bekommt dadurch zu wenig Differenzierung für schnelles oder längeres Lesen angeboten. Dynamische Schriften sind weniger ermüdend, da sie differenzierter und eindeutiger zu unterscheiden sind.

Welcher Schnitt? Es gibt sie in unterschiedlicher Lage (aufrecht, kursiv), Stärke (ultraleicht bis ultrafett) und Breite (condensed, extended). Sie dienen u. a. zur visuellen Abgrenzung von Inhalten: Kursiv oder fett gesetzte Wörter sind kleine Hingucker innerhalb eines homogenen Textabschnitts. Ihre Wirkung von leicht bis sehr fett lässt sich gut mit der Lautstärke beim Sprechen vergleichen.

Quelle: LASERLINE PRINT IT

1998 entwickelte maßgeblich Indra Kupferschmid ein Hilfsmittel zur Unterscheidung von Schriften: die Klassifizierung nach Formprinzip. Schriften werden hier unter den Gesichtspunkten Stil und Form betrachtet und einem Ausdruck zugeordnet. Das hilft bei der Schriftfindung oder Alternativen mit gleichem Ausdruck ungemein. Bei drei Gruppen leitet sich die einladendere, rationalere oder technischer wirkende Formensprache aus den Schreibwerkzeugen ab, die einem Schriftentwurf historisch zugrundeliegen. Eine vierte Gruppe beinhaltet dekorative und weniger eindeutig einem Formprinzip zuzuordnende Schriftentwürfe. Hierzu gehören z. B. die „Westernschrift“ Rosewood oder Fonts wie Jellybaby. Schriften dieser Gruppe sind in der Regel sehr ausdrucksstark, darunter leidet aber häufig die Lesbarkeit – zumindest in längeren Texten.

Die wichtigste Überlegung bei der Schriftwahl ist: Stehen Individualität, Konvention oder Praktikabilität im Vordergrund? Zwischen Emotion und Funktion gibt es unendlich viele Zwischentöne. Wie in der Mode auch, gilt es den passenden Ton zu treffen oder ihn bewusst zu brechen. Für Brechungen müssen Regeln bekannt sein. Mit ein bisschen Übung, der Wikipedia-Schriftartentabelle oder der FontBook App lassen sich Schriften gut einem Formprinzip zuordnen.

Momentan werden moderne Headlines gern mit geometrischen Formen gesetzt. So wie es immer wieder Wellenbewegungen von harten zu weichen Formen im Design gibt, bleibt abzuwarten, ob es in absehbarer Zeit die Wiederentdeckung weicherer Formen in der Typografie gibt. Es schleichen sich hier und da momentan weiche, jugendstilartige Bögen in ansonsten harte Schriften ein. Und so ist es mit den Schriften wie mit der Mode: Häufig bestimmen auch Trends, was wir unseren Texten „anziehen“.

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