Farbenblind: Schwarzweißkameras

24.05.2012 09:00:00
Weniger ist schärfer. Ohne Farbfilter vor dem Sensor ergeben sich ganz neue Möglichkeiten.

Kaum hat Leica am 10. Mai in Berlin die neue Leica M9 Monochrom vorgestellt, laufen die Foren heiß. Ein Kameragehäuse für 6.800 Euro, das nur Schwarzweißaufnahmen machen kann? Die Frage, was das soll, führt uns schnell zum Hintergrund des digitalen Farbensehens mit all seinen Vor- und Nachteilen.

Das Farbprinzip

Quelle: Leica

Der Sensor einer Digitalkamera ist von Haus aus erst einmal farbenblind. Er sieht nur hell und dunkel. Daher ermitteln Digitalkameras (mit Ausnahme von Sigma) ihre Farbinformationen mit Hilfe eines sogenannten Bayer-Filters, benannt nicht nach dem deutschen Chemieriesen, sondern einem ehemaligen Kodak-Mitarbeiter. Vor jedem einzelnen Pixel sitzt entweder ein roter, grüner oder blauer Filter. Wenn ein Lichtstrahl nur auf ein einzelnes Pixel trifft, ist die Farbinformation dementsprechend alles andere als sicher. Daher versuchen optische Tiefpassfilter Lichtstrahlen zumindest auf einen farbsicheren Vierer-Pixel-Pack zu verteilen. Das bedeutet, dass eine Kamera, die auf die Filter vor dem Sensor verzichtet, potenziell die Pixel besser - eben auch einzeln - nutzen kann und damit schärfere und auch von Haus aus moiréefreie Bilder erzeugen kann. Dementsprechend lassen sich diese Bilder auch leichter interpolieren.

Weniger ist mehr

Quelle: Kesberger

Die neue Leica ist nicht die erste Schwarzweißkamera. Schon Anfang des Jahrtausends bot Kodak mit der DCS 760m eine monochrome Spiegelreflex an. Aber diverse Kinderkrankheiten und die für die avisierte Klientel noch zu niedrige Auflösung von 6 Megapixeln sorgten für eine Einstellung der Kamera bevor die Technik richtig ausgereift war. Erst Phase One griff das Thema Jahre später vor allem auf Grund der Nachfrage im industrielen und wissenschaftlichen Sektor wieder auf. Dort ist man - zumindest zum Teil - auch bereit, 32.900 Euro netto für Mittelformat-Digitalrückteil wie das Achromatic+ mit 39 Megapixeln zu bezahlen. Mit diesem sind auch unsere hier gezeigten Beispielaufnahmen erstellt.

Filter allüberall

Quelle: Kesberger

Natürlich kann man damit auch bildmäßig fotografieren. Das Ergebnis sind eine hohe Schärfe und wunderbare Tonwerte. Wenn man sich allerdings daran gewöhnt hat, die früher üblichen Rot-, Gelb- und Grünfilter - zum Beispiel für dramatischere Wolkenkonstellationen - nachträglich im RAW-Konverter zu erzeugen, dann geht das mangels Farbinfo nicht mehr. Und schon muss man wieder Glasfilter vor das Objektiv schrauben. Dann geht natürlich auch der Empfindlichkeitsvorteil verloren, den reine SW-Sensoren üblicherweise bieten. Diese sind meist um ca. 2/3-Blenden lichtempfindlicher. Konsequenterweise kann man bei Phase One - im Gegensatz zu Leica - übrigens auch den Infrarotfilter weglassen, was sowohl Schichttiefenuntersuchungen bei Van Gogh als auch beeindruckende Landschaftsaufnahmen ermöglicht.

Eine Leica in Schwarzweiß

Quelle: Leica

Die Schärfevorteile ohne Bayer-Filter spielen sich in einem HighEnd-Bereich ab, der nur bei besonders hochwertigen Optiken überhaupt sichtbar wird. Daran soll es bei der Optik-Edelschmiede Leica nicht scheitern. 18 Megapixel und ein Vollformatsensor sind auch kameraseitig sehr ordentliche Voraussetzungen. Leider ermöglicht die M9 jedoch kein LiveView und damit keine besonders exakte Fokussierung direkt auf dem Sensor. Doch ein Bild ist mehr als die Summe scharfer Pixel, und das ist wohl der größte Vorteil einer reinen Schwarzweißkamera: Man denkt wieder in Graustufen, so wie früher, wenn ein Schwarzweißfilm eingelegt war. Dem monochromen Bildergebnis kann das nur gut tun. Und vielleicht wird das dereinst auch wieder in anderen Preisregionen möglich sein.

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