Die aus der Tagesschau

31.01.2019
Die „Rückblende“ zeichnet alljährlich die besten Fotos in Sachen politischer Fotografie aus. Wir waren bei der Preisverleihung.

Jeden Abend sieht man sie in den Fernsehnachrichten, wenn die Kameramänner mal einen Zwischenschnitt bei der Pressekonferenz brauchen. Sie bestimmen in den Tageszeitungen und Nachrichtenwebseiten unser Bild von der Politik: die Pressefotografen. Und wenn wirklich mal kein Fotojournalist dabei war, dann kann es ja nicht wichtig gewesen sein. Trotzdem überrascht es immer wieder, in diesem Pulk noch Bilder zu machen, die der Nebenmann Ellbogen an Ellbogen nicht hat. Schauen wir mal genauer hin.

Die „Rückblende“ gibt es seit über 30 Jahren. Anfangs hingen ein paar Bilder an der Wand in der Landesvertretung Rheinland-Pfalz im gemütlichen Bonn. Aus der Ausstellung wurde dann 1995 ein Wettbewerb. Spätestens mit dem Umzug nach Berlin ist sie ein deutlich edlere, sowieso größere Veranstaltung geworden, bei der sich auch immer wieder die politische Prominenz blicken lässt. Glücklicherweise hat sie trotzdem nie so ganz ihren Charme als Klassentreffen der Fotografen verloren. Die müssen schließlich so oft noch nachts bei grimmiger Kälte ausharren, dass ihnen dieser eine Abend bei wunderbarem Wein und einem der besten Buffets aller Landesvertretungen mehr als gegönnt sei.

Braunkohletagebau GarzweilerQuelle: Rückblende / Daniel Chatard

Das Siegerbild der Rückblende 2018: Abriss der Pfarrkirche St. Lambertus, im Volksmund “Immerather Dom”, für den Braunkohletagebau Garzweiler.

Geht man die Ausstellung durch, fällt schon seit einigen Jahren auf, dass der technische Fortschritt sich auch in der Bildqualität bemerkbar macht. Die Vollformatspiegelreflexe mit der heiligen Dreifaltigkeit der Reportergilde aus 16-35 Weitwinkelzoom, 24-70 Standardzoom und lichtstarkem Telezoom haben offensichtlich ganze Arbeit geleistet. Die Leistung bei hohen ISO-Werten erlaubt schon fast das Fotografieren im Dunkeln und das einzige vermeintlich technisch schlechte Bild der Ausstellung hat genau das zum Inhalt. Hinter dem Reichstag drehen sich Windräder, was der Realität kaum entspricht und doch nicht in Photoshop entstanden ist, denn der Hitzesommer 2018 hat ganz nebenbei auch dramatische Fernsichten erlaubt. Nur dass die Fernaufnahme von Paul Langrock durch die flirrende Hitze eben gerade nicht ganz scharf sein kann.

Hambacher ForstQuelle: Rückblende / David Klammer

Der Gewinner in der Kategorie Serie: "Ende Gelände" von David Klammer, der seit September immer wieder in den Hambacher Forst gefahren ist.

Seit einigen Jahren ist Leica auch Sponsor der „Rückblende“. In der ersten Zeit war das noch ein anachronistischer Gag, einem täglich digital arbeitenden Fotografen eine analoge Kamera als Preis zu überreichen ¬– nur noch übertroffenen von dem damaligen Sonderpreis von Schneider Kreuznach in Form von Dialupen. Die Lupen produziert Schneider längst nicht mehr und Leica hat seine Kameras auch seit Jahren ins digitale Vollformat transferiert. In der Tagesschau sieht man sie zwar kaum, doch tatsächlich hat auch schon eine als Preis verliehene Leica ein paar Jahre später wieder ein preiswürdiges Rückblende-Foto geliefert.

Angela Merkel bei einer PressekonferenzQuelle: Rückblende / Odd Andersen

Der Gewinner des Sonderpreises "Das scharfe Sehen": CSU-Chef Horst Seehofer zwischen Vizekanzler Olaf Scholz und Kanzlerin Angela Merkel bei einer Pressekonferenz.

Aber sogar der parallel verliehene Karikaturen-Preis hat digitale Folgen. Klaus Stuttmann hat bei der Rückblende schon so viele Preise gewonnen, dass es langsam eng wird auf seiner Webseite. Dazu muss man auch wissen, dass man gar nicht zweimal hintereinander gewinnen kann, weil die Vorjahressieger an Stift und Auslöser im Jahr danach in der Jury sitzen. Wenn er nicht einst das Preisgeld für einen digitalen Zeichenstift mit entsprechender Infrastruktur – was war das damals noch teuer – investiert hätte, wer weiß wie sich diese Geschichte entwickelt hätte. Sicherlich auch großartig, aber eben anders.

WolkenradlerQuelle: Rückblende / Lukas Barth-Tuttas

Das Titelbild des Kataloges: Wolkenradler. Eine Kunstaktion, die die Luftverschmutzung aufzeigen soll.

Die Ausstellung ist zuerst in der Landesvertretung Rheinland-Pfalz (kostenlos) zu sehen. Danach wandert sie durch Deutschland und zieht bis nach Brüssel. Da zieht noch einmal das ganze Jahr an einem vorbei. Seehofer, war da was? Merkel und Macron – wie lange noch. Trump und Merkel – kein Kommentar. Natürlich der Hambacher Forst, weil Demos eben fotografisch soviel her geben. Das sind tolle Fotos, doch man darf hier nicht die spektakulären Sichten und Geschichten des World Press Photo Wettbewerbs erwarten. Die deutsche Politik, die ist nicht so und Dieselfahrverbote sind optisch genauso unattraktiv wie sie die Betroffenen empfinden. Aber wenn man sich dereinst durch das Rückblende-Archiv wühlen wird, dann wird es viel davon erzählen, wie sich dieses Land über Jahrzehnte Schritt für Schritt verändert hat.

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