Anfassen, bitte!

03.01.2019
Eine Leben ohne Tastatur und ohne Display ist unvorstellbar. Aber ohne haptische Erlebnisse genauso wenig. Weswegen wir trotz allem Digitalen das Anfassen nicht sein lassen können – und sollten.

Der digitale Fortschritt steht für Schnelligkeit, Reproduzierbarkeit und Präzision. Das gefällt den Menschen, weil es das Leben vereinfacht. Vor allem das berufliche. Was mit dieser Entwicklung verlorengeht, ist das traditionelle Handwerk, das für Individualität steht. Für das Besondere – nicht nur optisch, sondern auch haptisch. Nicht umsonst versucht man mittlerweile oft, das Handwerkliche zu bewahren.

Diesen Trend beobachtet auch Katharina Walter. Sie setzte sich bereits während ihres ersten Studiums – Kommunikationsdesign/Schwerpunkt Typographie und Buchgestaltung – bewusst mit Haptik auseinander. Und tut es heute noch, mittlerweile als Kulturwissenschaftlerin.

Bis Ende vergangenen Jahres war sie im Interdisziplinieren Labor Bild Wissen Gestaltung der Humboldt-Universität zu Berlin tätig. Eine ihrer Aufgaben: Das Organisieren der Konferenz „Haptik – Transformation des Buchdrucks, Teil 2“, die im November 2018 stattgefunden hat.

Im Interview mit LASERLINE spricht Katharina Walter darüber, wie Druckerzeugnisse und Orientierung zusammenpassen. Und über den Buchdruck und seine schrifthistorische Bedeutung.

Quelle: Interdisziplinäres Labor Bild Wissen Gestaltung

LASERLINE: Frau Walter, was bedeutet für Sie Haptik?

Katharina Walter: Als Buchgestalterin hat mich immer die Spielerei mit dem Haptischen fasziniert. Vor der digitalen Entwicklung sehe ich das mit einem weinenden Auge. Weil ich weiß, dass die haptische Erfahrung eines Textes wichtig ist. Man macht sich zum Beispiel extrem über das Papier Gedanken. Benutze ich ein weiches, ein klassisches? Das hat auch etwas mit der Rezeption des Textes zu tun. Inwieweit kann ich über die haptische Erfahrung inhaltliche Aspekte des Buches aufgreifen? Gerade mit dem Einband. Prägungen sind ein großes Thema.

Lacht das andere Auge?

Das andere Auge sieht, dass der Wunsch nach sinnlicher Erfahrung durchaus wieder steigt. Zwar kaufen immer weniger Leute Bücher. Aber es wird genauso viel Geld ausgegeben. Es gibt offenbar mehr Interesse an hochwertigen Büchern. Das Erlebnis Buch ist wieder etwas anderes. In Verlagen kümmert man sich wieder mehr um das Buch als sinnlichem Objekt . Das war während meines Studiums in den 90ern noch nicht der Fall. Haptische Qualität wird in den Verlagen wieder geschätzt, weil die Konsumenten das scheinbar wollen. Trotz der digitalen Entwicklung. Mein Buchgestalter-Herz freut sich.

Was beobachten Sie: Sprechen die Menschen oft über Haptik?

Das ist schwer. Weil es eine Sinneserfahrung ist, die uns gar nicht so bewusst wird. Wir fassen Dinge wie selbstverständlich an, unbewusst. Wir können immer dann über Haptik reden, wenn wir sie als Störung wahrnehmen. Es passt was nicht. Vielleicht fehlt uns bei den digitalen Dingen genau das. Eine bewusste haptische Erfahrung.

Wo fällt Ihnen dieses Fehlen besonders auf?

Bei E-Books. Sie simulieren Papier für das Auge, was es haptisch nicht ist. Ich persönlich fühle mich als Anwender nicht ernst genommen. Leider gibt es meines Wissens keine empirischen Untersuchungen, zumindest nicht in Deutschland, was Lesemedien und Haptik angeht. Wir werden zu sehr als rein visuelle Wesen wahrgenommen.

Sind Sie komplett gegen E-Books?

Ich würde mich nie mit E-Book an einen Strand setzen. Also, wenn es ums Literarische geht. Bei wissenschaftlichen Texten kann ich auf das haptische Erlebnis eines gedruckten Buchs verzichten. Ich kann die Informationen mit meinem Laptop ideal abrufen. Das Digitale ist dem Analogen überlegen, wenn es um Wissensvernetzung, Austausch und Verbreitung geht. Es ist schneller, angenehmer. Ich bin flexibler.

Quelle: Interdisziplinäres Labor Bild Wissen Gestaltung

Ist das Literarische der einzige Bereich, der Sie zum Gedruckten greifen lässt?

Ich gehe gerne ins Theater und mag den Spielplan, den ich ausfalten kann. Ich weiß bei einem gedruckten Spielplan immer, in welchem Monat ich bin. Das Steuern von Blick und Hand und Geschwindigkeit ist beim Gedruckten anders. Auf Webseiten besteht die Gefahr, zu schnell zu scrollen. Das Digitale schafft manchmal Orientierungslosigkeit. Das Gedruckte hat ein Format; ich weiß, wo der Anfang ist und der Schluss. Druckerzeugnisse erleichtern die Orientierung.

Ging es bei der Konferenz „Haptik – die Transformation des Buchdrucks“ auch um Orientierung?

Eher darum, was das Alte heute und in Zukunft noch für uns bedeutet. Konkret ging es darum, den Buchdruck als historisches Kulturgut wieder stärker ins öffentliche Bewusstsein zu bringen. Jetzt, da die letzten Fachkräfte in Rente gehen und das handwerkliche Wissen wohl verloren geht. Gerade die Kulturpolitik muss stärker für dieses Thema gewonnen werden.

Weswegen?

Wenn wir die Techniken erhalten wollen, muss auch Geld vorhanden sein. Um konkrete Maßnahmen zu finanzieren, braucht es eine größere politische Unterstützung – in Kombination mit einer unternehmerischen. Es geht schließlich um kulturhistorisches, druckhistorisches Erbe. Die Konferenz bestand nicht nur aus Vorträgen, sondern auch aus einer Podiumsdiskussion: „Altes Blei? Gutenbergs Handwerk als Immaterielles Kulturerbe“. Ein abstrakter Titel.

Was war gemeint?

Der Buchdruck darf sich seit einem Dreivierteljahr Immaterielles Kulturerbe nennen, als Teil des Verbundes künstlerischer Drucktechniken. Ist damit von der Unesco geschützt. Und der Titel der Diskussion spielt mit dem Ausdruck „altes Eisen“. Konkret sollte rauskommen: Warum brauchen wir den Buchdruck noch? Eingeladen hatten wir zwei Unternehmer: Eckehart SchumacherGebler, Typograf und Inhaber der Offizin-Haag Drugulin, sowie den Buchgestalter und Verleger Franz Greno. Sowie Susanne Richter, die Direktorin des Museums für Druckkunst in Leipzig, und die Direktorin des Gutenberg-Museums in Mainz, Annette Ludwig. Matthias Neef hat die Diskussion moderiert. Er ist Referent der Geschäftsstelle Immaterielles Kulturerbe/Deutsche Unesco-Kommission.

Was ergab die Podiumsdiskussion?

Einig war man sich, dass der Buchdruck erhalten bleiben muss. Um Wissen und Handwerk zu retten. An ihm hängt auch Gutenberg mit Reformation und Aufklärung – die kulturhistorische Bedeutung ist unumstritten. Aber wie man seinen Erhalt sichern kann, die Form, ist strittig. Muss es weiterhin eine Berufsausbildung geben, um Druckbetriebe auch unternehmerisch sichern zu können? Oder lassen sich die Techniken nur noch in Museen und Privatpressen erhalten und weiter vermitteln?

Jüngere Unternehmer waren nicht dabei?

Leider nein. Und mit ihnen fehlte eine wichtige Position. Denn sie wollen den Buchdruck durchaus weiter entwickeln, um ihn zu erhalten. Dennoch war die Diskussion fruchtbar. Aber sie muss weiter gehen. Alle Beteiligten müssten sich an einen Tisch setzen und gucken, was wirklich geht. Mit der Politik, Stiftungen, Unternehmen. Wir sprechen schließlich von unserem Schrifterbe. Denn Buchdruck ist Schriftdruck. Hier beginnt die Geschichte der digitalen Satzmedien, der Layoutprogramme. Buchdruck ist Druck- und Schriftgeschichte.

Vielen Dank für das Gespräch!

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