Wie tief kann man sehen – die Schärfe als Stilmittel


Schärfentiefe, Unschärfe, Bewegungsschärfe: Das Spiel mit der Schärfe gehört zum ureigensten Handwerkszeug der Fotografie. Die technische Umsetzung gelingt mit unseren Tipps.


24. November 2011


"Das ist ja gar nicht scharf!" Aber wo? Auf manchen Bildern ist immer und überall alles scharf, während andere nur die Pupille exakt zeigen und dem darunter liegenden Riesenzinken schon die Gnade der Unschärfe gewähren. Nicht immer müssen alle Details erkennbar sein. Wichtig ist nur, dass die Entscheidung für oder gegen die Schärfe bewusst fällt und sich der Fotograf dabei nicht von der Technik bevormunden lässt.

Die "Schiefentärfe"
Die Tiefenschärfe - oder Schärfentiefe - hängt hauptsächlich von vier Faktoren ab: der Blende, der Brennweite, dem Aufnahmeabstand und dem Film- oder Sensorformat. Wobei scharf sehr relativ ist, denn die Tiefenschärfe definiert lediglich einen Bereich noch tolerierter Unschärfe. Die Regeln sind einfach. Je kleiner die Blende, je kürzer die Brennweite, je weiter weg das Motiv, je kleiner das Aufnahmeformat, desto größer die Tiefenschärfe. Umgekehrt schrumpft sie bei langen Brennweiten, Nahaufnahmen, weit offenen Blenden und großen Sensoren. Das bedeutet, dass mit einer Kompaktkamera (kleiner Sensor) mit lichtschwachem Zoom (kleine Blende) in Sachen selektiver Schärfe wenig zu holen ist.

Das Spiel mit der Schärfe
Häuser rücken durch Teleobjektive näher zusammen
Quelle: Kesberger
Die Fotografie lebt üblicherweise von der Umwandlung der dreidimensionalen Welt in ein zweidimensionales Bild. Die Stilmittel sind dabei vielfältig. Mit einem Weitwinkelobjektiv und großer Tiefenschärfe kriegt das Motiv eine entsprechende Tiefenstaffelung, die durchaus mehr räumliche Ausdehnung suggerieren kann als real vorhanden ist. Neben diesem bei Hotels und Immobilienanzeigen sehr beliebten Stilmittel, kann im Gegensatz dazu eine Teleaufnahme Gebäude enger zusammmenrücken lassen. Mit selektiver Schärfe wird das Hauptmotiv besonders betont. Hier entscheidet der Fotograf was wichtig ist, während bei größerer Tiefenschärfe der Betrachter die gleichberechtigten Bildteile nach und nach absucht.

Die richtigen Einstellungen
Für den bewussten Umgang mit der Schärfentiefe ist eine vollautomatische Belichtungseinstellung (Programmautomatik) wenig sinnvoll. Bei einer Zeitautomatik regelt dagegen die Kamera nur die Zeit, während der Fotograf die Blende selbst einstellt. Vorsicht auch beim Blick durch den Sucher oder auf das Display. Spiegelreflexsucher zeigen das Bild bei Offenblende, während Sucherkameras immer alles scharf anbieten - unabhängig vom späteren Bild. Auch Displays und LiveView-Einstellungen sind mit schärfekritischer Vorsicht zu genießen, da die dabei genutzte Blende oft unklar ist. Wer gerne mit dem Hang zur Komplikation fotografiert, dem bleibt da noch eine separate Tiefenschärfe-Rechenscheibe wie ExpoAperture2.

Zeit, dass sich was dreht
Mit der Zeit verschwinden die Autos
Quelle: Niko Korte (Pixelio.de)
Schärfe spielt auch in der vierten Dimension eine Rolle - der Zeit. Extrem kurze Zeiten lassen Bewegungen einfrieren, so dass beim Spielen am Springbrunnen mit der 1/2000 Sekunde die Wassertropfen einzeln sichtbar werden. Andererseits wird die Bewegung mit längeren Zeiten (z.B. von 1/30 bis 1/8 s) gerade als fließendes Element sichtbar. Oder man dreht den Kameraspieß um und zieht mit dem Objekt mit, so dass der rasende Radfahrer scharf, der Hintergrund aber verwischt ist. Noch abstrakter wird die sich bewegende Welt mit extrem langen Zeiten auf dem Stativ. Ein klassisches Motiv sind die Lichter von Autos, die in der Nacht auf einer Straße fahren. Die Fahrzeuge verschwinden, die Scheinwerfer bleiben.