Heiliger Abend oder Morgen?


Entstehung der Bräuche, warum wir es Weihnachten nennen, wie der Termin zustande kam und warum wir einen mit Kerzen geschmückten Tannenbaum nutzen ...


21. Dezember 2006


Den "Heiligen Abend" am 24. Dezember zu feiern, hat bei den Christen eine lange Tradition. Doch die alljährliche Bescherung findet längst nicht überall auf der Welt zu dieser Zeit statt: Jenseits des Ozeans wird der Morgen des Folgetages zum Heiligen "Abend". Wer aber feiert am richtigen Tag - das gute alte Europa oder die USA? Und wieso feiern wir überhaupt die Geburt Christus um diese Zeit, nennen es dann Weihnachten und stellen in unsere Wohnungen einen kerzengeschmückten und bunt behangenen, immergrünen Tannenbaum?

Wurzeln
Tief verwurzelt ist die Geschichte des reich geschmückten Tannenbaumes in unserer Kultur noch gar nicht so lange – jedenfalls, wenn man den meisten Historikern glaubt. Denn der grüne Baum entpuppt sich in der wissenschaftlichen Diskussion schnell als Stein des Anstoßes: Manche meinen, ihn bis zu den grünen Zweigen zurückverfolgen zu können, mit denen schon die Römer ihre Wohnungen zu Festzeiten schmückten. Andere wiederum halten das Mittelalter für den Geburtsort des Weihnachtsbaumes: Dort gab es tatsächlich vielerorts den Brauch, ganze Bäume zu öffentlichen Anlässen zu schmücken, wie etwa den Mai- oder Richtbaum.

"Roßen" aus Papier
Schon 1494 berichtete Sebastian Brant im "Narrenschiff" von der Sitte, grüne Zweige als Symbol neuen Lebens während der tristen Winterzeit ins Haus zu holen – damals noch "Weihnachtsmaien" genannt. Etwa aus dem Jahr 1600 stammen die ersten Aufzeichnungen über einen "Christbaum", der zur Weihnachtszeit mit "Roßen aus Papier geschnitten, Aepfel, Oblaten, Zischgold und Zucker" geschmückt für das nötige Ambiente sorgte. Und gut zehn Jahre darauf soll die erste kerzengeschmückte Tanne in Schlesien den Hof des Schlosses der Herzogin Dorothea Sybille verziert haben. Wie es sich für einen richtigen Baum geziemt, ist also auch der Weihnachtsbaum historisch weit verzweigt ...

Der Tag der Tage
Woher aber kommt die Bezeichnung "Weihnachten" überhaupt? Sprachwissenschaftler haben in Dokumenten aus dem Jahr 1170 den ersten schriftlichen Beleg dieses Wortes ausgemacht und dabei folgenden (hier übersetzten) Satz gefunden: "Die Gnade (Gottes) kam zu uns in dieser Nacht: deshalb heißt diese nunmehr Weih-Nacht." Die "Weihnacht" setzt sich also ursprünglich zusammen aus "wihe" (weich, heilig) und "naht" (Nacht) und ist damit nichts anderes als ein Synonym für die Beschreibung "heilige Nacht". Doch selbst dabei sind sich längst nicht alle Historiker einig: Manche verweisen auf lateinische Wurzeln, die etwa "Nacht der Opfertiere" bedeuten und das Christenfest auf Feiern zu Ehren römischer Gottheiten zurückführen könnten. Kreativer war da Martin Luther um 1500, der bei "weih" an das Wiegen des Christkinds dachte und deswegen von "Weygenachten" schrieb. Aber auch jenseits der kirchlichen Bedeutungen scheinen besondere Nächte schon länger ihre eigenen Namen getragen zu haben: Nicht umsonst gibt es noch weitere, ganz ähnlich aufgebaute heidnische Bezeichnungen – man denke etwa an die "Fastnacht".

Geburten schätzen
Sicher ist nur eines: Der Weihnachtsabend samt Heiliger Nacht steht im christlichen Glauben für die Geburt Jesu. Allerdings ist deren Datum weder im Neuen Testament noch an anderer Stelle verzeichnet. Also behalf man sich kurzerhand mit einer Schätzung: Den Tag, an dem die Sonne während ihrer scheinbaren jährlichen Reise den Äquator der Erde überschreitet – und das geschieht am 25. März – hielt man für bedeutsam genug, um die Empfängnis des Gottessohnes im Leib Marias anzunehmen. Daraus errechnete der römische Geschichtsschreiber Sextus Iulius Africanus in der ersten Hälfte des dritten Jahrhunderts mithilfe seiner Rechenschieber bei einer neunmonatigen Schwangerschaft als Tag der Geburt den 25. Dezember – so ward nicht nur das Jesuskind sondern auch dieses fortan bedeutsame Datum geboren.

Marketing-Maßnahme
Und es passte perfekt: Denn an den Tagen um dieses Datum herum feierte man in Rom schon lange ein Fest zu Ehren des römischen Gottes Saturn – die Saturnalien. Dabei gab es Geschenke, Sklaven wurden wie Gleichgestellte behandelt und Wein floss in Strömen. Das kurze Zeit später als römische Staatsreligion eingeführte Christentum fügte sich so in die bisherigen Traditionen ein, was die Anpassung erleichterte. Und es erleichterte auch die Bekehrung der Andersgläubigen, denn auch die Feier der Unbesiegbaren Sonne ("sol invictus"), der im römischen Reich viele Ende Dezember frönten, wurde einfach umfunktioniert zum Fest des Gottessohnes. Selbst die Heiden jenseits der Grenzen des Reiches kamen zu ihrem Fest, denn ihre mit Tanz und Musik gefeierte Wintersonnenwende fiel ebenfalls nahezu perfekt auf diesen Termin, so dass die Missionierung leicht fiel. Also erhob Kaiser Theodosius Ende des vierten Jarhunderts den willkürlich gewählten 25. Dezember zum Feiertag.

Abweichler?
Eine Marketingaktion, die bis heute viele Jahrhunderte überdauerte und jedem Werbe-Texter zur Ehre gereichen würde. Allerdings scheint ihre Kraft heute geschwächt: Denn im Gegensatz zur römischen und amerikanischen Geschichtsschreibung scheinen wir hierzulande mit dem Geburtstag Jesu am 25. Dezember nicht ganz einverstanden zu sein. Wen auch immer man in seiner Bekanntschaft nach dem "richtigen" Termin fragt, die Antwort fällt fast immer auf den 24. Tag des letzten Jahres-Monats. Das liegt aber nicht daran, dass im deutschsprachigen Raum die Richtigkeit der Schätzung Iulius Africanus' kollektiv bezweifelt wird. Vielmehr sind die Vigilien der Grund - eine Nachtwache vor christlichen Festen, die traditionell am Vorabend des Festes abgehalten wird. Da dienen dann Geschenke, Lebkuchen und Glühwein zur Stärkung, um bis zur Ankunft des Kindes durchzuhalten …


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